Paris im Herbst. Die letzten Monate des Jahres
und das Ende des Jahrtausends. Die Stadt ist für mich mit vielen Erinnerungen verbunden.
Erinnerungen an Cafés, an Musik, an Liebe und an Tod." Diese wenigen Worte,
in Kombination mit der stimmungsvollen Baphomet-Titelmelodie, reichen aus, um bei vielen
Adventure-Liebhabern nostalgische Gefühle aufkommen und ihre Augen voller Vorfreude
glänzen zu lassen wie bei Kindern unterm Weihnachtsbaum. Denn selten ist sich die
Spieler-Gemeinde derart einig, was Qualität und Beliebtheit angeht; auch zwölf Jahre
nach Erscheinen des ersten Kapitels der inzwischen vierteiligen Reihe hat Baphomets Fluch
nichts von seiner Popularität oder Faszination eingebüßt. Anlässlich des Erscheinens
einer Dreierbox, welche die ersten drei Abenteuer von George Stobbart und Nico Collard
enthält, haben wir uns die Ur-Baphomets" noch einmal vorgenommen.
Installation/Technisches
Es grenzt schon fast an eine Wissenschaft, ein derart altes Spiel
auf modernen Rechnern zum Laufen zu bekommen. Wer noch im Besitz einer 2-CD-Version von
Baphomets Fluch ist, wird mit der herkömmlichen Installation auch trotz
Kompatibilitätsmodus nicht weit kommen, sondern muss auf ScummVM, einen Emulator für
ältere Spiele, zurückgreifen. Die Einrichtung des Spiels unter ScummVM ist zwar
aufwändig, die Mühen lohnen sich aber durchaus das Spiel läuft anschließend
einwandfrei auch auf modernen Computern. Außerdem entfällt der CD-Wechsel, der in der
Ur-Version noch notwendig war. Einziger Wermutstropfen: Die Zwischensequenzen erscheinen
ziemlich verpixelt und unscharf, was aber auch am Flatscreen liegen könnte; ansonsten
kann sich das Spiel aber durchaus sehen lassen im wahrsten Sinn des Wortes.
Für ungeduldige Menschen, die sich nicht mit ScummVM
auseinandersetzen, aber trotzdem Baphomets Fluch spielen wollen, gibt es seit kurzem auch
eine WindowsXP-kompatible Version des Klassikers auf DVD. Und weil es Publisher CDV gut
mit uns Adventure-Freaks meint, hat man nicht nur den ersten Teil, sondern auch noch
gleich die ersten beiden Fortsetzungen mit auf die DVD gepackt. Jedes Spiel kann einzeln
angewählt und installiert werden, man kann aber auch die ganze Trilogie installieren,
wenn einem danach ist. Für die ersten beiden Teile sollte man laut Verpackung zusätzlich
ScummVM (kann man kostenlos runterladen) installiert haben; ScummVM startet automatisch,
wenn man das Spiel-Icon am Desktop anklickt. Und: Man kann nach der Installation ohne DVD
im Laufwerk spielen.
Die Trilogie gibts zu einem überaus günstigen Preis; wer die
Abenteuer von George und Nico also noch nicht sein Eigen nennt, sollte hier unbedingt
zuschlagen. So. Das wars jetzt aber auch schon mit Werbung, weiter im Text!
Baphomets Fluch gehört zu den wenigen Spielen, die weitgehend
bugfrei sind; Ausnahme: Im ersten Kapitel des Spiels hat man die Wahl, ob man dem
Inspektor von dem Clown erzählt oder nicht. Selbst wenn man George hier die Wahrheit
sagen lässt, wird er zu einem späteren Zeitpunkt einem Polizisten mitteilen, dass er den
Clown doch gesehen hätte. Das ist inhaltlich natürlich nicht richtig und ergibt nur
Sinn, wenn George zuvor gelogen hat; dieser Bug ist aber nicht wirklich gravierend. Ich
würde das auch eher einem etwas fehlerhaften Dialog-Skript zuschreiben, denn es passiert
im Lauf des Spiels immer wieder, dass George Dialogoptionen zur Verfügung stehen, die
erst auf den zweiten oder dritten Blick Sinn ergeben man kann Themen abfragen, die
im Spiel noch gar nicht angesprochen wurden. In einem Fall spricht George einen anderen
Charakter mit falschem Namen an, nur um im nächsten Dialog wieder den richtigen Namen zu
benutzen. Ob das an Georges Schusseligkeit liegt oder eine kleine Schlamperei im
Drehbuch", sei dahingestellt.
Abstürze oder sonstige technische Probleme wären mir auch beim
fünften Durchspielen nicht aufgefallen. Alt, aber gut" dieses
Sprichwort trifft auf Baphomets Fluch nicht nur in technischer Hinsicht zu.
Ein Handbuch ist zumindest in moderneren Versionen des Spiels nur
noch auf CD bzw. DVD vorhanden. Es bietet einen kurzen Überblick über die wichtigsten
Funktionen im Spiel, allerdings ist die Steuerung derart intuitiv, dass man ein Handbuch
im Grunde gar nicht braucht. Ins Spielmenü gelangt man während des Spiels mit der Taste
Esc; im Menü kann gespeichert und geladen werden, hier können wir auch Untertitel zu-
oder abschalten, den Sound manipulieren und das Spiel beenden.
Handlung und historischer Hintergrund
Der Amerikaner George Stobbart will eigentlich einen geruhsamen
Urlaub im herbstlichen Paris verbringen, doch daraus wird nichts: Eine in einem Café
gelegte Bombe, deren Wucht George selbst nur knapp entkommt, wirft all seine Pläne über
den Haufen und er macht sich kurz entschlossen daran, der Sache auf den Grund zu gehen,
nicht zuletzt, weil er mit dem mysteriösen Attentäter selbst noch eine Rechnung offen
hat niemand versucht ungestraft, George Stobbart zu töten! Bei seinen Recherchen
trifft er nicht nur auf die bildhübsche Fotojournalistin Nicole Collard, sondern stößt
auch auf eine geheimnisvolle Gruppierung, die auf den Spuren der mittelalterlichen
Tempel-Ritter wandelt und, erraten, die Weltherrschaft an sich reißen will. Es liegt an
George, die Verschwörung aufzuhalten. Die unzähligen Spuren führen ihn nach Irland,
Spanien, Syrien und Schottland; er begegnet zahlreichen schrägen Charakteren, muss
knifflige Rätsel lösen und lernt so nebenbei auch noch einiges über die Geschichte der
Tempelritter. Diese wurde von den Machern des Spiels außerordentlich gut und sorgfältig
recherchiert, wobei Geschichte und Fiktion zu einer kunstvollen Einheit verwoben werden,
die den Spieler unweigerlich in ihren Bann zieht. Ich weiß, wovon ich rede; ich habe
nicht nur das Spiel in den vergangenen vier Jahren fünfmal durchgespielt, sondern mich
auch im Rahmen meines Studiums eingehend mit den Templern befasst.
Die historischen Informationen, die das Spiel bietet, sind hieb- und
stichfest, und Namen wie Pierre Plantard wurden nicht zufällig gewählt. Pierre Plantard
war nämlich jener Mann, der das Autorentrio Baigent/Lincoln/Leigh auf die Spur der
Prieure de Sion gebracht hat, die wiederum mit dem Geheimnis von Rennes-le-Chateau in
Verbindung steht. Mittlerweile weiß man, dass Plantard ein Schwindler war, der die Liste
der Großmeister" der Prieure erfunden und die dazugehörigen Dokumente
kurzerhand gefälscht hat, und auch an dem Geheimnis von Rennes-le-Chateau ist nicht
wirklich viel dran (sorry, Dan Brown). Das aber nur nebenbei. Details wie die Namensgebung
zeugen jedenfalls von der Genauigkeit der Spielemacher, wenns um Recherche geht.
Auch die Geschichte der Assassinen wurde akkurat dargestellt; der Club Alamut wurde nach
einer alten Burg mit demselben Namen benannt, die bei Marco Polo erwähnt wird, und mit
dem Alten Mann vom Berge" ist der Assassine Raschid al-Din (1133-1193) gemeint,
der die Machtposition der Assassinen in Syrien um 1150 nachhaltig festigen konnte. Das
Buch Der heilige Irgendwas und der heilige Irgendwas", das die schrille Figur
der Pearl Henderson erwähnt, ist natürlich eine Anspielung auf Baigent/Lincoln/Leigh,
deren Werk im Original The Holy Blood and the Holy Grail" betitelt war
wer sich also schon mal eingehender mit der Geschichte der Templer befasst hat bzw. das
Buch kennt, wird sich über solche kleinen Anspielungen freuen.
Etwas weniger genau war man bei der Wahl der Orte so gibt es
meines Wissens nach kein Marib in Syrien, wohl aber im heutigen Jemen, und auch ob
Lochmarne in Irland wirklich existiert, habe ich nicht herausgefunden. Bannockburn in
Schottland wiederum war im Jahr 1314 Schauplatz einer blutigen Schlacht zwischen Schotten
und Engländern angeblich wurden die Schotten dabei von Templern unterstützt, die
vor der Verfolgung durch König Philipp den Schönen aus Frankreich geflohen waren. Belegt
ist das zwar nicht, als Basis für das Spiel reicht die These aber allemal. Eine kleine
Ungenauigkeit, die der ansonsten aber sehr gründlichen Recherchearbeit keinen Abbruch
tut, hat sich in einem Dialog in Spanien eingeschlichen: George bezeichnet das 14.
Jahrhundert als frühes Mittelalter", ein Terminus, der an sich eine Zeitspanne
von etwa fünf Jahrhunderten bis etwa zur Mitte des 11. Jahrhunderts umreißt also
weit vom 14. Jahrhundert entfernt.
Baphomets Fluch hat nichts von seiner Faszination verloren.
Schuld" daran sind neben der ungeheuer spannend und dramaturgisch perfekt
erzählten Story zahllose liebevolle Details, und nicht zuletzt George selbst schafft es
durch seine sympathische, leicht naive und humorvolle Art, dass man ihn immer wieder gern
auf seiner Reise begleitet, die im Übrigen auch beim x-ten Durchspielen noch gut und
gerne ihre 20 Stunden dauern kann.
Steuerung und Inventar
Baphomets Fluch ist ein klassisches Point-and-Click-Adventure mit
einer höchst intuitiven Steuerung. Wir scheuchen George ausschließlich mit der Maus
durch die Gegend, sämtliche Aktionen werden per Klick auf die linke Maustaste
ausgeführt. Der Cursor ändert dabei je nach möglicher Aktion seine Form; deutende bzw.
greifende Hände zeigen an, dass man George in eine Richtung bewegen bzw. etwas aufheben
kann. Können wir eine Aktion durchführen, dann verwandelt sich der Cursor in ineinander
greifende Zahnräder, ist eine Aktion mit einem Inventargegenstand möglich, wird dieser
zusätzlich zu den Zahnrädern angezeigt. Um mit anderen Figuren zu sprechen, benötigen
wir richtig, einen Mund! Eine Lupe schließlich zeigt uns, dass wir einen
Gegenstand genauer untersuchen können. Per rechter Maustaste können wir unsere
Recherchen übrigens noch gründlicher gestalten; George wird dann zusätzliche Kommentare
zu Gegenständen, aber auch anderen Personen abgeben. Das funktioniert auch mit
Inventargegenständen.
Nicht jeder Hotspot, den man findet, ist übrigens für das Spiel
als solches relevant; viele ermöglichen einfach eine intensivere Interaktion mit der
Umgebung, ohne dass ihre Untersuchung uns wirklich weiterbringt, und auch so manches
Gespräch birgt nicht unbedingt eine heiße Spur. Dafür bescheren uns die genaue
Untersuchung jedes Hotspots sowie das Ausloten aller Dialogoptionen eine äußerst dichte
Spielatmosphäre, und dank der launigen Kommentare unseres Helden hat man auch nicht das
Gefühl, seine Zeit zu vergeuden, im Gegenteil: Es macht richtig Spaß auszuprobieren, was
George zu einem bestimmten Gegenstand oder einer Person zu sagen hat. Übrigens:
Pixelhunting gibt es bei Baphomets Fluch nicht, alle Hotspots sind leicht zu finden
und das, obwohl sie sich optisch nicht besonders von den Hintergründen abheben. Auch hier
haben die Leute bei Revolutions Software ganze Arbeit geleistet.
Die Bewegungsfreiheit wiederum ist naturgemäß etwas
eingeschränkt; man kann nur Orte besuchen und untersuchen, die für das Spiel relevant
sind. Eine Karte erleichtert in Paris den Wechsel zwischen mehreren Orten, wobei jene
Orte, die wir nicht mehr benötigen, auch nicht mehr besucht werden können. Über eine
zweite Karte kann man, sobald es für das Spiel relevant wird, von Paris aus andere
Handlungsorte in Irland, Spanien, Syrien und Schottland besuchen. Dabei können manche
Abschnitte in beliebiger Reihenfolge absolviert werden; strikt linear ist das Spiel also
nicht.
Das Inventar finden wir am oberen Bildschirmrand und rufen es auf,
indem wir die Maus dorthin bewegen. Die Gegenstände, die George im Lauf seiner Reise
einsammelt, können teilweise miteinander, aber auch mit anderen Gegenständen außerhalb
des Inventars kombiniert sowie in Dialogen als Gesprächsthemen verwendet bzw. an andere
Personen übergeben werden. Wurde ein Gegenstand verwendet, verschwindet er nicht
notwendigerweise aus dem Inventar; manche Dinge schleppt man bis zum Schluss mit sich
herum, obwohl sie keinen praktischen Nutzen mehr haben. Wirklich sinnlose"
Inventargegenstände, also Gegenstände, die man überhaupt nicht brauchen kann, wären
mir nicht aufgefallen. Mein absoluter Lieblings-Inventargegenstand in diesem Spiel ist
übrigens, neben dem dreckigen Taschentuch, der Hand-Buzzer meist wenig
zielführend, aber sehr lustig!
Grafik, Sound
Die Grafik von Baphomets Fluch mag ja heutzutage nicht mehr
zeitgemäß sein, sie gehört aber trotzdem nach wie vor mit zum Besten, was das Genre zu
bieten hat. George bewegt sich durch eine liebevoll und detailliert gestaltete
2D-Comicwelt, die eine wahre Augenweide ist, ohne dabei jemals leblos oder steril zu
wirken. Die Spuren zu den Verschwörern führen George quer durch Europa und bis nach
Syrien; jeder einzelne Schauplatz wurde dabei mit unverwechselbarem Ambiente und ebenso
unverwechselbaren Charakteren ausgestattet, eine passende Sound- und Geräuschkulisse
trägt das Ihre zur Atmosphäre bei. Die Grafik ist bunt, ohne kitschig zu werden, und
düster, wenn es die Handlung verlangt. Zwischensequenzen, ebenfalls im Comcistil, sorgen
für zusätzliche Abwechslung, erscheinen aber zumindest auf einem modernen Flatscreen
etwas arg pixelig. Bei Telefonaten wurde auf einen Splitscreen zurückgegriffen - das
kennt man ja aus Filmen. Die einzelnen Figuren fügen sich meist nahtlos in die
wunderschönen vorgerenderten Hintergründe ein, sodass der Eindruck einer perfekten
Symbiose entsteht. Hier wurde einfach alles richtig gemacht, was man nur richtig machen
kann, optisch ist das Spiel wie aus einem Guss, und man hat selten das Gefühl, hier ein
völlig veraltetes Spiel vor sich zu haben Baphomets Fluch ist in sich derart
stimmig, dass einem die Grafik nicht negativ ins Auge sticht, sondern zum Charme und
unverwechselbaren Flair des Spiels beiträgt. Wie lieb die Comicgrafik der ersten beiden
Teile vielen Baphomet-Fans geworden ist, kann man übrigens auch an zahlreichen negativen
Kommentaren besagter Fans zur 3D-Grafik der Teile 3 und 4 erkennen, aber gut, auch George
und Nico müssen wohl mit der Zeit gehen. Das aber nur am Rande.
Auch der Sound ist eine Klasse für sich; die wunderschöne
Titelmelodie, die uns im Lauf des Spiels immer wieder begegnet, sorgt zumindest bei mir
immer noch für Gänsehaut. Hinzu gesellen sich verschiedene Musikthemen, die den
jeweiligen Schauplätzen angepasst wurden und so zur Atmosphäre des Spiels beitragen,
ohne das Grundthema völlig aus den Augen zu verlieren. Hintergrundgeräusche wurden, wo
notwendig, ebenfalls stimmungsvoll eingebaut, wobei die Soundfiles, die man für die
Installation unter ScummVM herunterladen muss, um zusätzliche Geräusche wie hupende
Autos oder tropfendes Wasser ergänzt wurden eine tolle Idee, wie ich finde, da die
Szenerie so zumindest akustisch noch um einiges belebter erscheint als im Ur-Spiel. In der
XP-kompatiblen Version muss man leider auf diese Zusatzgeräusche verzichten.
Großartig auch die professionellen Sprecher: George, unser Held,
wird von Alexander Schottky gesprochen, die rauchig-erotische Stimme von Nico stammt von
Franziska Pigulla; Fans der TV-Serie Akte X" werden sie als Agentin Dana Scully
im Ohr haben. Auch für die zahlreichen Nebencharaktere wurden professionelle Sprecher
engagiert, sodass jede einzelne Figur mühelos zum Leben erwacht. Durch die hervorragende
Vertonung entstehen so glaubwürdige, liebevoll ausgearbeitete und mitunter sehr skurrile
Charaktere, die man nicht so schnell vergisst. Einziger Wermutstropfen: Die Soundqualität
ist nicht 100%ig optimal, was man dem Alter des Spiels zuschreiben muss, und auch die
Lautstärke schwankt stark teilweise übertönt die Musik bei den vorgegebenen
Einstellungen die Dialoge. Das lässt sich allerdings in den Optionen weitgehend beheben.
Rätsel und Aufgaben
Die Rätsel in Baphomets Fluch sind vielfältig, abwechslungsreich
und nicht übertrieben schwierig Baphomets Fluch war mein erstes Adventure, und ich
habe es so ziemlich ohne Hilfe gelöst. Richtig harte Kopfnüsse sind kaum dabei, an
manchen Stellen braucht man allerdings schon etwas länger und kommt ordentlich ins
Grübeln. Inventarbasierte Rätsel dominieren ganz klar; immer wieder gilt es, einen
Gegenstand aus dem Inventar richtig zu verwenden, ihn der richtigen Person zu zeigen oder
ihn richtig zu kombinieren. Hinzu gesellen sich Rätsel, bei denen es auf Geschicklichkeit
und Geschwindigkeit ankommt, etwa, wenn man einer griesgrämigen Ziege ausweichen bzw. das
Tier austricksen muss. Ein Rätsel erfordert zwar Schachkenntnisse, man kann es aber auch
durch stures Ausprobieren lösen hat bei meiner allerersten Begegnung mit George
und den Neo-Templern hervorragend geklappt, auch wenn ich gut eine halbe Stunde dafür
gebraucht habe und ehrlich gesagt bis heute nicht weiß, welche Systematik hinter diesem
Rätsel steckt. Sehr oft sind es auch Dialoge, die die Handlung vorantreiben oder zur
Lösung einer Aufgabe beitragen; aufmerksames Zuhören ist also enorm wichtig, zumal
anders als in moderneren Spielen eine Tagebuchfunktion fehlt. In vielen Fällen ist es
erforderlich, einen anderen Charakter abzulenken; dazu sind einerseits wiederum
ausführliche Gespräche nötig, andererseits kann es auch nicht schaden, wenn man sich
genauestens umsieht Hinweise gibt es nämlich fast überall, und man hat auch nie
das Gefühl, dass man völlig alleine gelassen wird. Mit etwas Grips und Geduld findet man
schon die Lösung. Versprochen.
Die Rätsel und Aufgaben sind allesamt vollkommen logisch und
nachvollziehbar in die Handlung integriert, nie entsteht der Eindruck, hier versuchten die
Entwickler, das Spiel künstlich in die Länge zu ziehen, und mit etwas Nachdenken lassen
sich alle Rätsel und Aufgaben ohne Hilfe lösen. Hängt man doch einmal fest, kann man
sämtliche Orte noch einmal abklappern, an denen man vielleicht etwas vergessen haben
könnte, sei es eine Aktion oder ein Gespräch; oft gibt George dem Spieler auch selbst
einen Hinweis darauf, was als nächstes zu tun ist. Man sollte auch immer genau wissen,
was man im Inventar hat und unbedingt jeden einzelnen Gegenstand auch mit der rechten
Maustaste untersuchen, um vielleicht weitere wertvolle Hinweise zu erhalten. Und man
sollte jeden Inventargegenstand in jedem, wirklich jedem Gespräch dem Gegenüber zeigen,
auch wenn das auf den ersten Blick sinnlos erscheinen mag.
Zumindest in Paris ist der Wechsel von einem Schauplatz zum
nächsten dank der integrierten, übersichtlichen Karte jederzeit problemlos möglich.
Sackgassen gibt es nicht, wohl aber einige wenige Gelegenheiten, zu sterben. Diese lassen
sich an den Fingern einer Hand abzählen und resultieren entweder aus Unvorsichtigkeit,
etwa, wenn man sich zu weit in die Höhle des Löwen wagt, oder aus Ungeschicklichkeit
gepaart mit Langsamkeit, etwa, wenn man in einer brenzligen Situation zu lange überlegt,
was zu tun ist. Merke: Wenn dir jemand eine geladene Waffe vor die Nase hält, denk nicht
lange nach, spring! Ansonsten gibts nämlich einen hübschen Game-Over-Screen zu
bewundern, dem eine kleine Zwischensequenz vorangeht. Man landet anschließend wieder im
Hauptmenü und hat die Qual der Wahl: Lädt man einen vorhergehenden Spielstand und
versucht sein Glück ein zweites Mal oder lässt mans lieber bleiben? Es empfiehlt
sich jedenfalls, öfter zu speichern, erst recht, wenn die Musik bedrohlich anschwillt
oder man nicht weiß, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. Sonst kanns
schon mal passieren, dass man längere Passagen neuerlich hinter sich bringen muss. Ist
das der Fall, muss man sich übrigens nicht noch mal durch alle Dialoge klicken man
kann sie durch Druck auf die linke Maustaste einfach abbrechen.
Dialoge
Bei den zahllosen Gesprächen und Baphomets Fluch ist sehr
dialogintensiv erscheinen in der unteren Leiste mehrere Icons, die die
unterschiedlichen Gesprächsthemen anzeigen. Ist ein Thema erschöpft, verschwindet das
Icon aus der Liste; das bedeutet jedoch nicht, dass man auf das Thema zu einem späteren
Zeitpunkt und ausgerüstet mit neuen Erkenntnissen nicht noch einmal zurückkommen muss.
Manchmal muss man auch entscheiden, ob man einem Gesprächspartner eine positive oder eine
negative Antwort gibt, ob man lügen oder die Wahrheit sagen will oder wie man sich dem
Gesprächspartner gegenüber generell verhalten möchte. Immanenten Einfluss auf den
Spielverlauf hat das meines Wissens nicht, es sei denn, man hat es gerade mit einem
Gangster zu tun da kanns schon mal passieren, dass die falsche Wahl sich,
sagen wir mal, ungesund auswirkt. Ansonsten entscheidet Lüge oder Wahrheit darüber, wie
viele Informationen man von seinem Gegenüber noch erhält bzw. ob der Gesprächspartner
überhaupt noch mit George reden will. Aber selbst wenn man eine andere Figur mal durch
eine Lüge (oder auch die Wahrheit) verärgert und einem so manche Informationen
vorenthalten bleiben beenden lässt sich das Spiel auf jeden Fall! Die Entscheidung
für Lüge oder Wahrheit sorgt außerdem für einen gewissen Wiederspielwert.
Zusätzlich kann George sämtliche Inventargegenstände benutzen, um
mit anderen Personen zu kommunizieren man klickt einfach den entsprechenden
Gegenstand an und wartet ab, wie der Gesprächspartner reagiert. In vielen Fällen ist es
unabdingbar, anderen Personen Inventargegenstände zu zeigen, da dies die Geschichte
vorantreibt bzw. spannende Konversationen auslöst, die wiederum neue Spuren nach sich
ziehen. Oft reden andere Figuren erst dann mit George, wenn er ihnen einen bestimmten
Gegenstand unter die Nase gehalten hat es ist schon sehr spannend, was z.B. so eine
Visitenkarte alles ausrichten kann und wie redselig manche Figuren plötzlich werden.
Andere sind von Haus aus äußerst mitteilsam und überfluten den guten George mit einer
Fülle an Informationen über sich und ihr Leben, ohne dass man damit sofort etwas
anfangen kann, geschweige denn danach gefragt hat, wieder andere verlangen eine
Gefälligkeit, ehe sie mit George plaudern wollen. Generell gilt: In jedem Wust an
Informationen findet sich der eine oder andere kleine Hinweis, der einen weiterbringt und
den man unbedingt im Auge behalten sollte. In den meisten Fällen kann man Charaktere
übrigens auch noch ansprechen, obwohl sie einem nichts Wichtiges mehr zu sagen haben.
Die Dialoge als solche sind stets lebendig, spritzig-witzig,
abwechslungsreich und erlauben gute Einblicke in die Persönlichkeiten der jeweiligen
Charaktere. Dabei tritt ein ganz eigener Humor zutage, der sicher mit ein Grund dafür
ist, dass Baphomets Fluch auch heute noch Heerscharen von Fans hat. Besonders George hat
immer einen flotten Spruch auf den Lippen, aber auch Nico ist nicht gerade auf den Mund
gefallen. Zwar hat George zusätzlich Standardsprüche parat, wenn er etwas nicht tun oder
anfassen will, diese sind aber längst nicht so enervierend wie in anderen Spielen und
werden oft auch mit einer gehörigen Portion Sarkasmus vorgetragen. Besonders lustig sind
die Reaktionen einzelner Figuren auf diverse Inventargegenstände; man sollte auf jeden
Fall versuchen, anderen Personen den Hand-Buzzer zu zeigen, über den man im Verlauf des
Spiels stolpert, und auch ein verschmutztes Taschentuch oder eine rote Clownsnase rufen
witzige Reaktionen hervor mir ist es mehr als einmal passiert, dass ich grinsend
oder gar laut lachend vor dem Computer gesessen habe. Dabei tritt die Handlung bei aller
Komik nie in den Hintergrund; Ernsthaftigkeit und Humor halten sich hervorragend die
Waage.
Fazit
Baphomets Fluch gehört zu Recht zu den Spieleklassikern, die man
immer wieder gerne aus dem Regal holt, um sie erneut zu erleben. Denn selbst wenn man die
Lösung jedes einzelnen Rätsels kennt dieses Spiel wird nicht fad, und es gibt
auch noch immer etwas Neues zu entdecken. Hauptdarsteller George Stobbart ist ein
äußerst sympathischer Zeitgenosse, mit dem man gerne mal auf ein Bier gehen würde,
wäre er nicht grade wieder dabei, die Welt zu retten, und auch Nico, die in den
Nachfolge-Spielen deutlich mehr Handlungsraum zugestanden bekommt, ist eine sympathische,
wenn auch mitunter etwas bissige und sarkastische junge Frau. Die Handlung ist von der
historischen Seite her einwandfrei und gründlich recherchiert, die Fiktion greift nahtlos
in die Historie über, und beide Seiten verschmelzen zu einer perfekten Einheit. Logische,
gut in die Handlung integrierte Rätsel sorgen dafür, dass die grauen Zellen auf Trab
bleiben, abwechslungsreiche Schauplätze und eine Vielzahl liebevoll gestalteter
Charaktere machen das Spiel zu einem Hochgenuss.
Optisch macht Baphomets Fluch so ziemlich alles richtig, was man nur
richtig machen kann; die liebevoll gestaltete 2D-Grafik hat auch nach zwölf Jahren nichts
von ihrem Charme verloren und versprüht im Gegensatz zu so manch modernem 3D-Spiel ein
Übermaß an Flair und Seele. Beides wird durch die gelungene Lokalisation und die
wunderschöne Musik perfekt unterstützt. Punkteabzüge gibts lediglich für die aus
heutiger Sicht etwas schlechte Qualität des Sounds und die etwas umständliche Handhabung
bei der Installation auch unter Windows2000 bzw. auf älteren Rechnern kann das
Spiel ordentlich rumzicken, wenn man eine ältere Ausgabe sein Eigen nennt, die Neuausgabe
behebt etwaige Probleme aber im Handumdrehen. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten ist
Baphomets Fluch eines der wenigen Spiele, die ich als perfekt bezeichnen würde. Seine
Qualität zeigt sich vor allem auch daran, dass es trotz seines Alters und auch bei
wiederholtem Spielen noch immer zu begeistern vermag. Man hat bei jeder einzelnen Figur
das Gefühl, alte Bekannte zu treffen, von denen man schon länger nichts gehört oder
gesehen hat, die einem aber trotzdem noch sehr vertraut sind. Kurz: Wer Baphomets Fluch
nicht mindestens einmal gespielt hat, hat definitiv was verpasst!