Blown Away

Zuerst verstand Lorenz Steinke nicht, warum Martin und Klaus so hämisch grinsten, als sie ihm zum Geburtstag einen alten Wecker mit auffällig großen Batterien überreichten. Erst als das Ding mit einem lauten Knall zwölf schlug und Lorenz‘ Büro in eine rauchende Trümmerlandschaft verwandelte, begriff er endlich, was man ihm da geschenkt hatte.
Seit vielen Generationen vererben Hollywoods Filmproduzenten das Rezept, wie man einen erfolgreichen Film macht, vom Vater auf den Sohn. Dieses Rezept ist eigentlich denkbar einfach und läßt sich mit wenigen Worten beschreiben: Man nehme eine schöne Frau und einen starken Helden, suche sich dazu einen bösen Finsterling und garniere die Handlung mit ein bißchen Liebe und einem tränendrüsenaktivierenden Happy End. Die richtige Würze bekommt der Film dann noch durch ein paar bombige Uberraschungen, die den Zuschauer bis kurz vor Schluß über das wahre Ende täuschen.

Wer ist am gemeinsten?
Besonders bei dem zuletzt genannten, den bombigen Uberraschungen, greifen die Tarantinos, Stones und Spielbergs unserer Tage gerne besonders tief in die Wundertüte der filmischen Trickkunst. Hatten uns zu Charlie Chaplins und Laurel & Hardys Zeiten noch simple Tortenschlachten die Lachtränen in die Augen steigen lassen, muß es heute schon ein ldeechen härter sein: Längst sind die harmlosen Kalorienbomben ihren weitaus weniger harmlosen Namenscousinen gewichen.
Verrückte Bombenleger, kannibalisch veranlagte Massenmörder oder völkermordende Weltverbesserer machen heute dem modernen Zelluloid-Helden der 90er Jahre das Leinwand-Leben zur Hölle. Schon ist unter Hollywoods Drehbuchautoren der große Kampf ausgebrochen um die Frage: Wer denkt sich den originellsten, härtesten, brutalsten, und teuflischsten aller möglichen Fieslinge und Bösewichter aus? Klar, daß dieser Wettkampf auch den Computer-Bildschirmen ausgefochten wird. Immerhin hat das Genre der interaktiven Spielfilme und Video Adventures eine stetig wachsende Fangemeinde gefunden, die begierig auf jeden neuen CD-ROM-Thriller wartet. Daher haben Magellan lntertainment und MGM, das Label mit dem Löwen, nun Blown Away herausgebracht, einen interaktiven Film mit zahlreichen kniffligen Rätseln. Schon die Handlung ist äußerst explosiv.

Ein bombiger Job
Als Jimmy Duff, Bombenentschärfer bei der Polizei von Boston, sind Sie immer auf der Suche nach Verbrechern und deren scheußlichen Höllenmaschinen. Leider waren Sie bei Ihrem letzten Einsatz, einer Razzia in einer geheimen Bombenfabrik, etwas zu langsam, möglicherweise auch ein bißchen unkonzentriert. Jedenfalls wurden Sie durch eine detonierende Sprengladung verletzt und wachen am nächsten Tag mit einer Gehirnerschütterung und Gedächtnislücken im örtlichen Krankenhaus auf. Und dort nimmt eine ganz üble Geschichte ihren Anfang. Denn als Sie den Fernseher über Ihrem Bett anschalten, erscheint plötzlich das haßverzerrte Gesicht eines fremden Mannes auf dem Bildschirm. Irgendwie kommt Ihnen der Kerl bekannt vor. Dunkel erinnern Sie sich wieder an Zeiten, als Sie noch unter einem anderen Namen an einem anderen Ort lebten. Und seit eben diesen Zeiten ist der Typ auf der Mattscheibe nicht mehr besonders gut auf Sie zu sprechen. Immerhin haben Sie einmal einen guten Kumpel von ihm getötet Darum hat er nun beschlossen, sich hierfür an Ihnen zu rächen.
Nach und nach eröffnet ihnen der offenbar geistesgestörte Mann, daß er einige Menschen aus Ihrer Umgebung entführt hat, unter anderem Ihre Tochter Lizzy und Ihre Freundin Robin. Und weil Geistesgestörte im Film eben immer auch ganz besonders gemeine Ideen haben, hat er seine Opfer nicht gleich getötet.Vielmehr gibt er Ihnen eine winzige Chance, Ihre Lieben wieder aus seiner Gewalt zu befreien.
Auf dem Weg vom Krankenhaus, über Ihre Wohnung bis zu den Verstecken der Entführten hat er eine Anzahl von Rätseln für Sie vorbereitet jedes dieser Rätsel ist mit einer Bombe verbunden. Gelingt es Ihnen, diese sehr unterschiedlichen Aufgaben innerhalb einer bestimmten Zeit zu lösen, können Sie die Opfer befreien. Scheitern Sie hingegen, müssen Sie zusehen, wie eine Höllenmaschine Ihre Lieben zerfetzt.
Unterwegs hat der Durchgeknallte zahlreiche Fernsehgeräte aufgebaut, auf deren Bildschirmen er jeden Ihrer Schritte mit gehässigen Bemerkungen begleitet. Damit nicht genug, hat er außerdem noch einen Anschlag auf den amerikanischen Präsidenten vorbereitet. Sie müssen also ganz nebenbei auch noch dieses Attentat vereiteln und das Leben des Präsidenten retten.

Magische Quadrate und Schiebepuzzle
Von der Möglichkeit, Spielstände abzuspeichern, sollten Sie bei diesem Game reichlich Gebrauch machen. Schneller als Ihnen lieb ist, aktivieren Sie die eine oder andere garantiert tödliche Bombe, beispielsweise jene, an die Ihre Tochter gefesselt wurde, oder die, vor der Ihre Freundin sitzt Und nur allzu leicht landen Sie wieder im Krankenhaus, wo Sie dann schließlich Ihren schweren Verletzungen erliegen.
Grafik und Sound sind, wie bei diesem Genre üblich, digitalisierte Aufnahmen echter Schauspieler. Die Videosequenzen sind auf Bildschirmgröße aufgepumpte AVI-Filrne. Ein Doublespeed-CD-ROM und ein langsamer 486er ohne MPEG-Karte reichen zum Spielen von Blown Away vollkommen aus. Gehen Sie allerdings zu nahe an Ihren Bildschirm heran, bekommt das Ganze die sattsam bekannte pixelige Legostein-Optik.
Verglichen mit einigen anderen interaktiven Filmen läuft die Handlung bei Blown Away weniger flüssig ab. Die Programmierer haben fast zwanzig, zum Teil äußerst knifflige Rätsel in dem Garne versteckt. Die eigentlichen Filmsequenzen sind weniger wichtig.Wer sich mal eben eine actionreiche Geschichte auf dem heimischen PC anschauen möchte, wird daher von diesem Spiel enttäuscht sein.
Hier sind vor allem Kombinationsvermögen und geduldiges Tüfteln gefragt. Sollten Sie also Spaß an kniffligen Rätseln haben und unter anderem wissen, was ein magisches Quadrat ist und wie man mit Schiebepuzzles umgeht, sind Ihre Chancen vielleicht gar nicht so schlecht. Freundlicherweise haben die Programmierer dem Spiel auch einen Übungsmodus spendiert, in dem Sie die Rätsel einzeln aufrufen können.

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