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Blue Ice
Martin Mirbach zeigt einem störrischen Kronprinzen, worauf
es im Leben wirklich ankommt. Und wehe, der Bengel wehrt sich...
Der König ist tot. Es lebe der König! So etwa läßt sich
die Handlung von Blue Ice in den sprichwörtlichen zwei Sätzen zusammenfassen. Womit wir
ausnahmsweise einmal ohne Einleitung direkt ins Spielgeschehen einsteigen.
Außergewöhnliche Spiele erfordern außergewöhnliche Reviews. Und natürlich
außergewöhnliche Spieler. Denn in Blue Ice übernimmt der Spieler die Rolle des zwölf
Jahre alten Kronprinzen Edward, der das schwere Erbe seines jüngst verstorbenen Vaters
antreten soll.

Schon wieder lesen: In den Gedanken der
Spielfiguren lauern zahlreiche Hinweise |

Der Kronprinz, flankiert von 2 seiner Angestellten:
der Köchin Scraggend und ihrer Tochter,
der Dienstmagd Pollyanna |
Anm. des Chefredakteurs: Da Du Schokokekse liebst, bist Du mit der
Prinzenrolle eh sehr eng verbunden.
Als Herrscher über das Reich lcia hat der Vater seinem Sohn einen gewaltigen Wust an
Gesetzen und Verordnungen hinterlassen, die vor Merkwürdigkeit und Abstrusität nur so
strotzen. Alle Dinge des täglichen Lebens sind in lcia per Dekret geregelt, etwa, daß
außer dem Klavier im ganzen Land kein anderes Instrument gespielt werden darf oder nur
bestimmte Speisen in einem Menü zugelassen sind.
Die Menschen von lcia sind durch die strenge
Befolgung aller Direktiven dermaßen verunsichert, daß jedes soziale Leben im Staate
bereits seit Jahrzehnten eingefroren ist. Ebenso liegt die Gefühlswelt des kleinen
Prinzen total auf Eis. Steht nicht in Direktive 1784262, daß das Zulassen von Gefühlen
keine klaren Entscheidungen mehr zuläßt? Wie gut für den Spieler. daß ein
Zwölfjähriger seine Gefühlswelt nicht permanent abschalten kann.Vielleicht gelingt es
Ihnen ja, das kalte Herz des Thronfolgers zu erwärmen, auf daß er seinem Volk ein milder
und verständiger Herrscher werde. Ganz anders als seine Vorfahren.

Zeit, Raum und die Gesetze der Schwerkraft
erscheinen in Blue Ice mitunter bedeutungslos |

Zahlreiche Rätsel befinden sich in diesem Haus,
das wichtige Fragezeichen kommt diesmal als
Rauch aus dem Schornstein |
Im Rausch der Sinne
Timothy Leary ist tot. Es lebe Timothy Leary! Wollte man auch das Gameplay in zwei Sätzen
beschreiben, halte ich diese beiden für sehr geeignet. Denn in seiner Konzeption erinnert
Blue Ice stark an einen psychedelischen LSD-Trip. Jedenfalls könnte ich mir ein
halluzinatorisches Erlebnis in etwa so vorstellen, wo ich doch noch nie im Leben
irgendwelche illegalen Drogen probiert habe (Wirklich nicht, das schwöre ich sogar bei
der Seele meines Chefred. haha!). Fünf Haupträtsel gibt es zu lösen, hinter jedem davon
verbergen sich etliche kleinere Nebenrätsel. Wer schließlich alle Rätsel gelöst hat,
hält quasi sämtliche Teile eines Puzzles in der Hand, das er nun nur noch zusammensetzen
muß. Und wer schon mit normalen Puzzles seine Schwierigkeiten hat, sollte sich auch diese
letzte Aufgabe im Spiel nicht allzu leicht vorstellen. Allein mit logischem Denken kommt
man nämlich nicht immer weiter, ganz wie der kleine Prinz Edward darf der Spieler seine
Gefühle und Instinkte nicht vergessen und muß auch schon mal Entscheidungen aus dem
Bauch heraus treffen.

In diesem Teich gibt es viel zu entdecken:
Einen Schlüssel, ein paar Münzen, ein Geheimnis in der Muschel,
sogar der Fisch ist wichtig
Dieser bewußte Verzicht auf permanente Logik zieht sich
durch das gesamte Spiel, obwohl gerade zu Anfang die meisten Rätsel durch Aufmerksamkeit
und Nachdenken gelöst werden können. Es gibt sowohl klassische Denksportaufgaben als
auch optische und akustische Rätsel zu knacken. Damit der Spieler aber nicht ganz im
Dunkeln tappt, wurden immer wieder Hinweise ausgelegt.

In Icia ist nur das Klavierspiel erlaubt |

Nicht nur in der Bibliothek gibt's viel zu lesen |
Logik mit Gefühl
Klickt man zum Beispiel auf eins der in vielen Bildern versteckten Fragezeichen, folgt ein
gesprochener Hinweis, meist in Form eines Reims. Ebenso ist es möglich, die Gedanken
aller in einem Bild vertretenen Spielfiguren zu lesen und daraus seine Schlüsse zu
ziehen. Insgesamt wird das Spiel dadurch leider etwas zu textlastig, die ellenlangen Verse
erfordern ununterbrochene Konzentration, die allerdings durch die surrealistischen Bilder
und den dazu passenden Soundtrack immer wieder gestört wird. So schwankt man irgendwie
ständig zwischen Verstand und Gefühl, was ein erfolgreiches Vorankommen nicht unbedingt
leichter macht.

Icia
Apropos Soundtrack: Die gelungene Mischung aus 30 bekannten Musikstücken von Klassik bis
Jazz paßt ebenso in das Gesamtbild des Spiels, wie die abwechslungsreichen,
collagenartigen Grafiken, die so ganz anders aussehen als das, was wir sonst so in einem
Adventure gewohnt sind. Da ist es wohl besser, Sie sehen sich die Screenshots auf diesen
Seiten an und machen sich selbst ein Bild. Innovativ ist auch die Steuerung ausgefallen,
die quasi mit dem Inventar verschmilzt. So bleibt das Spiel nach einigen Augenblicken der
Eingewöhnung komplett und angenehm über die Maus steuerbar. Erwähnen sollte man noch
die exzellenten Sprecher, und zwar in jeder Sprache.Von der CD kann die Version mit
deutscher, englischer, französischer, spanischer oder italienischer Sprachausgabe
installiert werden, und immer wird so akzentuiert gesprochen und betont, daß man mit dem
Spiel sogar seine Sprachkenntnisse erweitern könnte.

Rechts und links dieses Ganges befinden sich
verschiedene Räume und darin wiederum
diverse Rätsel |

Existiert die gute Fee namens Hope
nur in der Phantasie des Prinzen |
In dubio pro reo
Ein endgültiges Urteil über Blue Ice abzugeben, fällt mir nicht leicht. Es handelt sich
um ein sehr ungewöhnliches Adventure, das mich etwas an die alten Peter
Gabriel-Geschichten erinnert. Oder an Programme, die wir sonst in der Multimedia-Abteilung
besprochen haben, zum Beispiel Meet Mediaband. Alles in allem ist Blue Ice surrealistisch,
anspruchsvoll, stellenweise nur schwer zugänglich und manchmal verwirrend. Es ist
textlastig, nervt hin und wieder und kann nicht immer logisch angegangen werden. Es ist
aber auch handwerklich sehr solide erstellt und mit vielen merkwürdig-interessanten
Charakteren versehen worden. Wahrscheinlich ist es ganz einfach Geschmacksache. Und mir
gefällt's nicht schlecht.
Pro
lnnovatives Spielkonzept
Außergewöhnliche Atmosphäre
Sound und Sprache vom Feinsten
Kontra
Zu textlastig
Nicht immer schlüssig
Alternativen:
The Dark Eye
Inscape 94,95 Mark
Shine
BMG lnteractive ca. 90 Mark
Versailles 1685 - Verschwörung am Hof Cryo ca. 100 Mark
Hersteller: Psygnosis
Minimum:
486DX 66, 8 MB RAM, SVGA, DOS 5.0
Bewertung:
- Spiel-/Dauerspaß: 35 von 50
- Handhabung: 8 von 10
- Grafik: 15 von 20
- Sound: 15 von 20
Total: 76
PC Power Februar 1997
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