Bazooka Sue

Was lange währt, wird endlich wahr: Das von Starbyte bereits 1994 angekündigte Comic-Adventure sollte dieser Tage zu haben sein. Wir haben bereits vorab Schwein gehabt — und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Die titelgebende Heldin der witzigen Veranstaltung ist nämlich eine Sau, noch dazu eine mit sehr ansehnlichen Rundungen: Bazooka Sue erinnert mit ihrer Steckdosennase zwar ein wenig an die Muppet-Dame Miss Piggy, hat es dank ihrer Gardemaße aber bereits zum Playmate des Monats gebracht. Und so nimmt es nicht Wunder, daß diese Babe von einem Schweinchen zum Blickfang für die rund 60 übrigen Charaktere des Spiels wird — zumal diese meist allzu menschlich sind.


Ein schwieriges Rätsel: Wie braut man dem
sächselnden Penner eine Pulle Schnaps?

Weil Sue als Schwarzbrennerin und Temposünderin gesucht wird, hat sie bereits im Intro das FBI und einen Dorfsheriff auf den Fersen. Ihre Flucht endet vorerst in Swamp Rock, einer iypisch amerikanischen Kleinstadt. Hier beginnt das eigentliche Spiel, wo in drei-Tagen bzw. Kapiteln eine große Schweinerei afzuklären ist, in die so einige der ansässigen Ehrenbürger verstrickt sind. Zu diesem Zweck sind insgesamt 130 Örtlichkeiten zu besuchen, manche davon mehrmals. Frisörsalon, Apotheke, Erotikshop etc. werden dabei bildweise umgeschaltet, gelegentlich gibt es auch (etwas zähes) Scrolling. Die Tour führt aber nicht nur durch die fünf Bezirke von Swamp Rock, denn auch zwei Labyrinthe (eines davon voller Krokodile mit Appetit auf Schweinshaxen!) sowie eine Spukvilla im Stil von Bates‘ Motel aus Hitchcocks "Psycho" stehen am Programm.


An wichtigen Stellen öffnet sich
auf einen Mausklick hin ein Bild im Bild

Sexy Sue mag politisch nicht korrekt sein,
perspektivisch ist sie es: Sie wird größer,
sobald sie in den Bildvordergrund tritt

 

Das Geschehen wird ebenso bunt wie detailreich präsentiert und belegt rund zwei Drittel des Bildschirms. Damit der Spieler auch lange etwas davon hat, wurden gut und gerne 20.000 Einzelbilder sowie 100.000 Animationen auf der CD-ROM untergebracht. Das macht summa summarum rund zweieinhalb Stunden Trickfilmspaß, selbst wenn sämtliche Rätsel auf Anhieb gelöst werden. Aber natürlich werden sie das nicht, denn der Schwierigkeitsgrad dieses Adventures ist nicht von Pappe. Neulinge im Abenteuergeschäft mögen sogar bereits bei der ersten Hürde stolpern: Sue braucht eine Bleibe für die Nacht, doch das einzige Hotel am Platz wird von einer Horde Japaner belegt. Und der Bulle sitzt ihr ja nach wie vor im Schweinenacken. Das Mixen eines bizarren Cocktails aus Schweiß und Fliegen, oder der Kampf gegen einen bissigen — Briefkasten machen die Sache später keinesfalls leichter.


Die zu Beginn eingesammelte Landkarte
ist erst im späteren Spielverlauf aktivierbar

Vom Finanzbeamten erhält man
einen wichtigen Gegenstand

Die etwas träge herumstolzierende Wutz wird mittels Maus im Point & Klick-Verfahren durchs Dorf getrieben, wo sie die etwa 50 Einheimischen anmacht — wahlweise mittels Sprachausgabe oder eingeblendeter Textzeilen. Die per Klick abkürzbaren Gespräche mit den örtlichen Bordsteinschwalben, Filmdiven oder Rockern laufen automatisch ab und sorgen dank der vielfältig eingesetzten Dialekte für viel Gelächter jenseits des Monitors. Fundstücke wie Schlamm, Dosen oder Äpfel gibt es auch reichlich, so daß das unbegrenzt aufnahmefähige Inventar stets gut gefüllt ist. Immer vorausgesetzt, der Spieler hat es nicht bei einem Aufklaubversuch belassen, da sich manche Gegenstände erst einsacken lassen, wenn zuvor an anderer Stelle ein Rätsel gelöst wurde. Auch die meisten Örtlichkeiten sind zu Beginn noch verschlossen und können erst betreten werden, sobald einige Gespräche geführt, Mitbringsel ausgetauscht und Aktionen getätigt wurden. Daß hier ebenfalls nicht immer ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung auszumachen ist, dürfte die größte Schwäche des Spiels sein.


Wer sich gegen die Sprachausgabe und
für die Textzeilen entscheidet,
verpaßt das Beste!

Vorsicht: die wenigsten Gegenstände
lassen sich vom Inventar aus nochmals
unter die Lupe nehmen

Starbyte residiert in einer abgetakelten Kaschemme - was hoffentlich nur für dieses Spiel gilt...

Auf der Habenseite weist Bazooka Sue eine überaus witzige Story und die liebevolle, wenn auch mittlerweile etwas altbackene Präsentation aus. Wem dabei die abwechslungsarme Countrymusic auf die Nerven geht, der darf die Lautstärke der Soundeffekte getrennt von der Musik (stufenlos) regeln. Man muß also kein Schwein sein, um das mit unzähligen Gags und Anspielungen auf Filmo gespickte Spiel zu lieben — selbst wenn uns diese Prachtsau oft ein wenig sexistisch daherkommt. Apropos sexistisch: Starbyte plant, die Sau auch mit bzw. auf zwei Spezialversionen rauszulassen, denen ein schweinischer Kugelschreiber respektive ein Mauspad beiliegen werden. (md)

 

Komfort für Schweinepriester: Die Steuerung
Zwar sind einige der Gegenstände im Spiel arg winzig und die Steuerung etwas unpräzise geraten, doch ist das Konzept simpel: Der Zeiger in Gestalt eines Schweinekopfes öffnet die Augen, wenn ein Gegenstand oder eine Person von Bedeutung im Visier ist. Dann kann per rechter Maustaste automatisch das jeweils passende Befehlsicon (nehmen, benutzen, anwenden, reden...) eingeblendet werden. In einigen Fällen öffnet sich so auch per Lupe ein kleines Bild im Bild. Items die nicht mehr benötigt werden, verschwinden von selbst aus dem Inventar oder können nicht mehr aufgehoben werden. Zwar darf man einmal abgelegte Gegenstände bis auf wenige Ausnahmen nicht nochmals näher betrachten, doch ist ihr Zweck aufgrund der detailreichen Zeichnung zumeist ohnehin leicht zu erkennen.

 
Mit der rechten Maustaste wird in jeder
Situation automatisch das passende
Befehlsicon eingeblendet

 

Schweinerei: Der Ersttest

Stammleser werden sich wundern, wurde das Spiel doch bereits in der Ausgae 12/94 getestet. Kurz vor der für Janunr 1995 angekündigten Veröffentlichung kam es jedoch zum Zerwürfnis zwischen Starbyte und dem Programmierer Volker Zinke, der daraufhin mitsamt seiner Entwicklungsengine das fast fertige Projekt verließ. Es folgte ein zweijähriger Gerichtstreit um die Rechte, der nun mit einer Einigung endete. Die mittlerweile angeheuerten Programmierer Carsten Wienand und Axel Plinge („Hollywood Pictures") haben die Grafik nochmals überarbeitet sowie neue Rätsel und Animationen eingefügt. Im Gegenzug wurden die zuvor beabsichtigten multiplen Lösungswege ebenso storniert wie die seinerzeit von uns getestete Diskversion. Da zudem die Akustik komplett nrunderneuert wurde (sie belegt nun über 200 MB auf der CD-ROM), war unser Alttest endgültig überholt- was ja insbesondere Neulesern nur recht sein kann, auch und gerade wenn die damalige Gesamtwertung von 83 Prozent aufgrund der gestiegenen Ansprüche nicht mehr ganz zu halten war.

 

Klassisches Grafikadventure der witzig vertrackten Art.

Hersteller: Starbyte

USK-Freigabe: ab 12 Jahren

Schwierigkeit: Für Geübte

  • Grafik: 74%
  • Sound: 80%
  • Steuerung: 69%
  • Motivation: 76%
  • Gesamt: 75%
  • 1 CD
  • ab einem 486 DX2/66 mit MS-DOS oder Win95
  • ab 8 MB RAM, 6 bis 230 MB auf der Festplatte
  • SVGA
  • SB Pro/16/AWE 32, General Midi, MPU 401, Pro Audio 16, Soundscape, MS Sound System, Roland RAP-10, Turtle Beach
  • Maus

 

April 1997 PC Joker

 

adventure-archiv 19-07-01

 

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