| Phantasmagoria 2 - Labor des Grauens Das Grauen kehrt zurückSchon wieder hat es Martin Mirbach erwischt. Vor gerade einem Jahr befiel ihn ein mächtiger Dämon, jetzt greifen die eisigen Krallen des Wahnsinns nach seinem Verstand. Und Schuld ist wieder Sierra... L angsam legten sich die finsteren Schatten der Nacht auf das nebelverhangene Hochland. Uber den Mooren herrschte tiefe Stille, die Wellen des Meeres regten sich kaum. Düster drohend ragte das uralte Gebäude empor zum Firmament, still verschweigend, wie tief und fest seine Wurzeln in der endlosen Tiefe der Hölle verankert waren. Hier sollte ich also leben, hier sollte sich mein Schicksal erfüllen. Und ich zögerte keine Sekunde, dieses Schicksal anzunehmen. Ich wollte mich messen mit den Kräften des Unheils.Wollte beweisen, daß ein Mensch, sofern er nur bedingungslos an sich glaubt, sich vor keiner dunklen Macht zu fürchten braucht. Das alles ist jetzt ein Jahr her, und ich erinnere mich gern an Phantasmagoria. Endlich gibt es einen zweiten Teil.Was Sie dort erwartet, erfahren Sie jetzt.Nomen est omen? Eine wichtige Frage, die man in einem Review besser vorab beantworten sollte, ist die nach dem Sinn (oder Unsinn) des Titels. Oder, um es ganz deutlich auszusprechen: Phantasmagoria 2 hat mit seinem Vorgänger nichts, aber auch gar nichts zu tun. Natürlich handelt es sich bei dem Spiel immer noch um ein Adventure, das sich auch erneut in die interaktiver-Spielfilm-Schublade packen läßt. Konzeption, Handlung und Darsteller unterscheiden sich aber, bis auf einen winzigen Gastauftritt, total vom ersten Teil. Böse Zungen behaupten, daß Sierra lediglich ein schwächeres Spiel an den großen Erfolg von Phantasmagoria 1 anhängen wollte. Andere dagegen meinen, bei Phantasmagoria handele es sich um eine Reihe, deren einzelne Folgen durch ihre Untertitel gekennzeichnet sind.Wir wissen es nicht und lassen diese Frage daher unbeantwortet im Raum stehen. Ebenfalls erwähnen sollte man, daß sich auf der US-Verkaufsversion einige üble Bugs befinden. Einer davon stand in Zusammenhang mit den für das Spiel notwendigen DirectX3-Treibern und war sogar in der Lage, wichtige Daten auf der Festplatte irreparabel zu schädigen. In weniger schlimmen Fällen hatten die Käufer dieser Version immerhin noch mit einigen Abstürzen zu rechnen. Obwohl uns von Sierra ausdrücklich versichert wurde, daß sämtliche Bugs in der Version für den deutschen Markt behoben sein werden (und wir dies auch gerne glauben wollen), konnten wir diese Tatsache aus zwei Gründen nicht unerwähnt lassen. Erstens ist es leider nicht auszuschließen, daß auch genau diese Version von einigen Händlern importiert und verkauft werden wird, die Nachfrage wäre ja vorhanden. Und zweitens befindet sich auf der CD ausschließlich eine Windows-Version des Spiels. Konnte man sich beim ersten Teil noch frei zwischen Windows und DOS entscheiden, führt diesmal kein Weg an den DirectX-Treibern vorbei, auch wenn die im Handbuch beschriebene DOS-Installation einen völlig anderen Eindruck erwecken konnte. Schatten der Vergangenheit Nach dieser langen, aber nötigen Vorrede wird es nun endlich Zeit ins Spielgeschehen einzusteigen. Und obwohl es eigentlich ein wesentlicher Grundsatz der PC Power war und ist, die Handlung eines Adventures nicht allzu ausführlich zu beschreiben, schreit Phantasmagoria 2 geradezu nach einer Ausnahme. Als Spieler finden Sie sich nämlich in der Rolle des Curtis Craig wieder, über den Sie eigentlich nichts wissen. Zwar läßt ein stimmungsvolles lntro bereits Schlimmes erahnen, doch dient das erste von fünf Kapiteln des Spiels im wesentlichen der Erkundung von Craigs Umfeld. Sie erfahren, daß er erst vor einem Jahr aus der Psychiatrie entlassen wurde, und daß er seinen Aufenthalt in der Nervenklinik mit äußerst schlechten Erinnerungen verbindet. Sie erfahren, daß sich seine Mutter erhängt hat, als Curtis zarte sechs Jahre alt war, und daß er sich für ihren Tod verantwortlich fühlt. Was die Gegenwart unserer Hauptfigur angeht scheint dagegen alles im Lot. Curtis hat einen sicheren Job als technischer Redakteur bei der Pharma-FirmaWyntech, bewohnt ein Mittelklasse-Apartment, ist bereits seit einiger Zeit mit der liebenswerten Jocilyn zusammen, hat ganz normale Freunde und eine Ratte als Haustier. Er besucht regelmäßig eine Kneipe namens The Dreaming Tree. Ein paar kleine Geheimnisse, die sich zu diesem Zeitpunkt des Spiels hauptsächlich um Curtis Arbeitgeber drehen, gibt es auch. So sollen im Sicherheitsbereich des Gebäudes bereits vor Jahren Experimente mit biologischen Kampfmitteln stattgefunden haben. Auch heute noch gibt es einen Sicherheitstrakt, der nur für wenige, und natürlich nicht für Curtis, zugänglich ist. Außerdem kursieren Gerüchte über schwere Nebenwirkungen aktueller Medikamente. Soviel zur Grundlage des Spiels, die Zukunft des Protagonisten sieht dagegen düster aus. Immer wieder wird Curtis von Alpträumen geplagt oder von unterschiedlichen Halluzinationen heimgesucht. Im Spiegel erscheinen düstere Visionen, elektrische Geräte machen sich selbständig und wenden sich gegen Curtis, auf dem PC erscheinen e-mails direkt aus der Hölle. Wird Curtis abermals verrückt? Oder steckt vielleicht etwas ganz anderes hinter all diesen merkwürdigen Phänomenen? Und welche Rolle spielen die anderen Charaktere? Ihre Aufgabe als Spieler ist es, genau diese Fragen Stück für Stück aufzuklären. Spiel und Film In technischer Hinsicht kann sich Phantasmagoria 2 durchaus sehen lassen. Sämtliche Akteure agieren absolut glaubwürdig, auch Inszenierung und Dramaturgie der vielen Videos bewegen sich auf hohem Niveau. Im Gegensatz zum ersten Teil wurden die Darsteller sauberer ausgestanzt und in die Spielumgebung integriert, was den unschönen Blauschleier gänzlich verschwinden läßt. Bis auf wenige Ausnahmen befindet sich Phantasmagoria 2 also genau auf dem Level, den ein interaktiver Spielfilm heute erreichen kann. Der Sound paßt zum Spiel, auch wenn er sich sehr von den düsteren Choralgesängen des Vorgängers unterscheidet. Jede Location wurde mit einem eigenen Grundthema unterlegt, das nicht nur zur speziellen Atmosphäre des Ortes paßt, sondern die jeweiligen Besonderheiten auch nach längerer Abwesenheit wieder gut ins Gedächtnis zurückruft. Abgesehen von einigen Sequenzen, in denen der Spieler Paßwörter in Curtis Computer eintippen muß (zum Beispiel um geheime Akten einsehen zu können), wird das Spiel komplett per Maus gesteuert. Eine Karte, mit deren Hilfe man bereits besuchte Locations erneut aufsuchen kann, ist nun ebenfalls vorhanden. Häufig bemängelt wurde am ersten Teil der vermeintlich zu niedrige Schwierigkeitsgrad. Sierra gelobte Besserung, aber auch Phantasmagoria 2 ist nicht in der Lage, dem geübten Spieler heftige Kopfschmerzen zu verursachen. Allerdings variiert der Schwierigkeitsgrad der einzelnen Kapitel doch erheblich.Wer es aber schafft, das nicht immer leichte erste Kapitel zu knacken, wird sich schon sehr bald drei Kapitel weiter wiederfinden. Immerhin wurde auf den "Hintkeeper" des ersten Teils verzichtet, der Spieler muß sich seine Erfolgserlebnisse schon selbst erarbeiten.Trotzdem bekommt man in Phantasmagoria 2 ein angemessenes und gelungenes Verhältnis von Spiel und Film geboten, das den Spielumfang des Vorgängers deutlich übertrifft. Daß das Spiel dennoch auf "nur" fünf CDs erscheint (und nicht auf sieben, wie der ersten Teil), hat andere Gründe. Schließlich stehen heute weitaus effektivere Kompressionsverfahren zur Verfügung als noch vor Jahresfrist. Mit der Komprimierungstechnik des ersten Teils hätte es der Nachfolger locker auf satte neun Silberscheiben bringen können. Was macht Roberta? Daß Phantasmagoria 2 sich so grundlegend vom ersten Teil unterscheidet, hat natürlich einen Grund. Und der Grund hat einen Namen: Lorelei Shannon. Die schrieb nämlich das Drehbuch zum Spiel, und nicht wie vor einem Jahr Roberta Williams. Uber das Ergebnis kann man geteilter Meinung sein. Während sich Phantasmagoria 1 konsequent am Horror-Genre orientiert, hat man selbst bei Sierra Schwierigkeiten mit der korrekten Einordnung des zweiten Teils. Herausgekommen ist ein Crossover aus Horror, Splatter und Science-Fiction, mit einigen Handlungssegmenten, an denen Erich von Däniken sicher seine helle Freude hätte. Und auch das Ende des Spiels wird viele Spieler nicht zufriedenstellen. Derweil überschlägt sich die Gerüchteküche. Angeblich wurde Lorelei Shannon bereits vor der Fertigstellung des Spiels wegen Unstimmigkeiten über das Drehbuch entlassen, was jedoch von Sierra außergewöhnlich heftig dementiert wird. Was auch immer die Gründe sein mögen, fest steht: Frau Shannon ist nicht länger bei Sierra beschäftigt, und im Internet schreien die Fans nach einem Roberta Williams-Comeback für den dritten Teil. Aber erstens ist ein weiterer Teil alles andere als sicher und zweitens läßt sich über Geschmack bekanntlich nicht streiten... Apropos, Geschmack. Im Vorfeld wurde immer wieder über die explizite Gewaltdarstellung in Phantasmagoria 2 berichtet. In der Tat gerät der gute Curtis in einen Strudel aus blutiger Gewalt und exzentrischem Sado-Maso-Sex. Als erwachsener Spieler wüßte ich allerdings keinen Grund, warum ich die Szenen nicht sehen sollte. Egal ob Sex oder Gewalt, in unzähligen Videos ab 18 gibts Härteres zu sehen. Außerdem verfügt das Spiel erneut über eine Paßwort-Sicherung, mit der eine entschärfte Version installiert werden kann. Das setzt allerdings voraus, daß Papa installiert, um Sohn hinterher spielen zu lassen.Was aber, wenn Sohn mithilfe der Spiel-CD kurzerhand eine Neuinstallation durchführt? Bleibt zu bezweifeln, daß deutsche Jugendschützer sich bei einem dermaßen expliziten Spiel mit dieser Lösung zufrieden geben. Die amerikanische Version stand jedenfalls schon kurz nach ihrem Erscheinen in einigen Ländern ohne eigene Lokalisierung auf dem Index (Singapur, Malaysia,...). So hinterläßt Phantasmagoria 2 einen zwiespältigen Eindruck. Nach meinem persönlichen Empfinden liegen die Schwächen des Spiels ganz eindeutig im Drehbuch. Zwar gelingt es, den Spieler sofort zu fesseln und in die Geschichte mit einzubeziehen, leider wird die Handlung später zu konfus, zu konstruiert, der Horror zu vorhersehbar. Da helfen auch eindeutige Darstellungen nicht weiter, denn auch im entschärften Modus büßt das Spiel von den Qualitäten, die es hat, nichts ein. Dafür hat sich das Gameplay insgesamt verbessert, Schauspieler und Videos sind absolut erstklassig. Bleibt zu hoffen, daß sich dieser Vorteil in die deutsche Lokalisierung (mit dem Untertitel "Labor des Grauens") retten kann. Lasse ich also meinen persönlichen Geschmack beiseite und versuche, zu einer objektiven Wertung zu gelangen, finde ich unterm Strich immer noch ein wirklich gutes Spiel. Alle Fans des ersten Teils, und das waren nicht wenige, werden es sowieso kaufen - allein, um mitreden zu können. Es hat sich also gelohnt, den Titel nicht zu ändern.
Alternativen: Hersteller: Sierra Preis: ca.90 Mark Minimum: 486DX 100,16MB RAM, SVGA, Windows 95 Pro Kontra
Spiel-/Dauerspaß: 40 von 50 Gesamtwertung: 82 PC Power Februar 1997
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