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Phantasmagoria
Sierra

Ein Review von Ali E. N., 04. November 2000

Sierra wollte Horrorgeschichte schreiben, aber eine Menge Faktoren ließen es eine Komödie werden.

Die junge Adrienne und ihr Mann Don – Fotograf von Beruf - wollen sich ein neues Haus kaufen. Da kommt ihnen das nahe einem einsamen Dörfchen gelegene, alte Schloß genau richtig. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Bereits in der ersten Nacht wird Adrienne von furchtbaren Alpträumen heimgesucht. Doch damit nicht genug: während sie sich aufmacht, ihr neues Heim ein wenig zu erkunden, stößt sie auf Hinweise, die auf eine schaurige Geschichte, die das Schloß verbirgt, deuten. In dem kleinen Dorf verhält man sich  auch nicht gerade zuvorkommend und zu allem Überfluß benimmt ihr Mann sich in letzter Zeit sehr merkwürdig. So wird sie bei ihren Untersuchungen über die Vergangenheit in eine Geschichte hineingezogen, die ihr über den Kopf zu wachsen scheint und ihr an jeder Ecke nach dem Leben trachtet.

Im Vorfeld wurde viel Wirbel um Sierras neues Werk "Phantasmagoria" gemacht. Es erschienen etliche Previews, die den Titel bereits als den Horrorschocker des Jahres ankündigten. Doch auch hier kam es wieder mal anders als man dachte. Während die auf 7 CDs verteilte Story – wobei jede CD einem Akt, die man auch alle einzeln anwählen kann entspricht – durchaus überzeugen kann, wurde sie in dem Spiel nur mäßig umgesetzt. Das wirkliche Horrorfeeling will einfach nicht aufkommen und, wie man dazu sagen muß, in der deutschen Version noch weniger als in der original amerikanischen.


Der erste Punkt sind die Schauspieler. Eigentlich kann man sagen, daß die meisten ihre Rolle gelungen vermitteln, nur gibt es ein Problem, wenn ausgerechnet die Hauptdarstellerin nicht in der Lage ist, Emotionen zu zeigen. Emotionen, die in einem Horrorfilm unabdinglich sind. Wie am Spieß schreien, kann vermutlich jeder, aber eine glaubhafte Präsentation davon ist etwas anderes. Auch heben sich die Figuren von den Hintergründen viel zu deutlich ab.

Der zweite Punkt ist die Aufmachung des Spieles an sich. Wer schon mal ein paar Horrorfilme gesehen hat, weiß, daß es in diesen düster und beklemmend vorgeht. In Phantasmagoria wurde zur falschen Farbpalette gegriffen. Das Schloß selbst strotzt nur so vor Zimmern in hellen Farben und auch außerhalb des Gemäuers fühlt man sich sofort beruhigter durch die wunderbar anmutenden Naturbilder. Sie mögen zwar hübsch aussehen, aber sie tragen bei weitem nicht dazu bei, daß man angespannter auf seinem Stuhl sitzt.

Ein Punkt, der besonders ärgerlich ist und hätte vermieden werden müssen, ist die deutsche Synchronisation. Wie es bei Sierra leider üblich geworden ist, spricht ein und dieselbe Person verschiedene Rollen und auch dieses trägt eher zur Erheiterung bei, wenn man anhört, wie wieder jemand krampfhaft versucht, seine Stimme zu verstellen. Man könnte wohl auch im Zweifelsfall damit leben, wenn nicht wieder die Hauptperson absolut fehl besetzt wäre. Wenn diese Stimme versucht, zu betonen, geht es meistens schief und das schlimmste ist ihr seltsamer, englischer Akzent, den sie wunderbar vor sich in nuschelt.

Man hat das Gefühl, daß Sierra gegen Ende noch versucht, den Kahn aus dem Dreck zu ziehen und dem Spieler mit geschmacklosen Sterbeszenen der Protagonistin das Fürchten zu lehren, worin auch die Begründung dafür liegt, daß das Spiel erst ab 18 freigegeben ist. Bedauerlich ist auch, daß die Rätsel nicht sonderlich schwer ausgefallen sind. Im Inventar des Spielers haben maximal 8 Objekte Platz, da braucht man nicht lange, um zu sehen, was benötigt wird. Sollte man doch mal haken, hilft einem ein Klick auf eine kleine Fratze, die einem den nötigen Tip gibt. Aber dieser Punkt ist vermutlich dem Genre der Interactive Movies allgemein zuzuschreiben, da die Story vorankommen muß, damit man sich wirklich wie in einem Film fühlt. Das entschuldigt jedoch nicht den immensen Zeitdruck gegen Ende des Spiels, wenn man in Sekundenschnelle die richtige Handlung ausführen muß, um nicht zu sterben. Vom Stil her richten sich die Rätsel nach den klassischen Adventures, bei denen man gefundene Objekte mit der Umwelt benutzen muß.

Das Spiel zu starten sollte eigentlich auch auf neueren Rechnern keine Probleme bereiten, da es trotz seines Alters schon damals auf Windows ausgelegt wurde. Es würde zwar auch unter DOS laufen, aber unter Windows sieht die Oberfläche (wie bei vielen anderen Sierraspielen) einfach besser aus.

Wenn man Phantasmagoria vergleichen will, sollte man zu anderen Titeln des Interactive Movie-Genres greifen. Bei einem Vergleich mit der Tex Murphy-Trilogie von Access sieht man eindeutig, daß Phantasmagoria in technischer Hinsicht weit hinten liegt. Die Arbeit mit der Blue Screen muß Sierra noch ein wenig üben. Aber man muß auch sagen, daß Phantasmagoria im Gegensatz zu anderen Titeln des Genres den Namen "Interactive Movie" auch verdient hat. Der Spieler verbindet hier nicht lediglich durch einzelne Mausklicks die verschiedenen Filmszenen, sondern ist maßgeblich an der Entwicklung der Story beteiligt.

Wenn Sierra sich mehr Mühe gegeben hätte, hätte aus dem Spiel auch der versprochene Schocker des Jahres werden können. Die Story hätte das Zeug dazu auf jeden Fall gehabt. So ist leider nur ein Spiel entstanden, bei dem Leute mit Spaß an leichter Rätselkost und Splatterfilmen beruhigt zugreifen können, von mir allerdings nur um die 50% bekommt, da die negativen Faktoren doch sehr schwerwiegend sind.


Minimale Systemanforderungen:

  • Windows 3.x/95
  • 486/25, 8MB RAM
  • 5MB HD
  • SVGA
  • 2x-CD-ROM
  • Soundkarte

Gespielt auf:

  • Windows 98
  • P166, 32MB RAM

Copyright © Ali E. N. für Adventure-Archiv, 04. November 2000

 

Bewertungssystem:

  • 80% bis 100%  sehr gutes Spiel  (sehr empfehlenswert)
  • 70% bis 79%    gut (empfehlenswert)
  • 60% bis 69%    befriedigend (bedingt empfehlenswert, mit Abstrichen)
  • 50% bis 59%    ausreichend (nicht gerade empfehlenswert)
  • 40% bis 49%    ziemlich schlecht (eher abzuraten - etwas für Hardcore-Adventure-Freaks und Sammler)
  • 0%  bis 39%    grottenschlecht (lieber die Finger davon lassen)

 

 

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