Pilgrim

Mit geheimnisvollen Manuskripten möchte lnfogrames die Spieler vor den Monitor locken

Dem Mittelalter haben wir etliche nette Sachen wie zum Beispiel bierbrauende Mönche oder spannende Geschichten zu verdanken. Das neue 3D-Adventure von Infogrames tut zwar anfangs so, als gehöre es auch in diese Reihe, entpuppt sich dann aber doch mehr als Schaf im Wolfspelz. Jedenfalls scheint im Frankreich des 13. Jahrhunderts jedermann scharf auf ein mysteriöses Manuskript zu sein, das von heimkehrenden Kreuzzüglern ins Land gebracht wurde.


Um diese ominöse Schriftstück dreht sich alles

Der momentane Besitzer liegt allerdings im Sterben und schickt seinen Sohn mit der Schrift nach Toulouse, auf daß sie dort bei einem Genossen sicher untergebracht ‘werde. Die an Story und Design Beteiligten (wie etwa der berühmte Comic-Artist Moebius) sind durchaus keine Unbekannten, und doch haben sie es geschafft, aus dem vielversprechenden Szenario ein eher dröges Lehrstück zu machen. Da muß sich dann der Spieler in Gestalt des jugendlichen Boten ewig lange an ziemlich kleinen Schauplätzen herumtreiben, bevor er weiterziehen darf, nur um Rätsel im Stile von "Wie-wiege-ich-eine-Gewürzkiste-mit-vier-geeichten-Gewichten-und- einem-Ruderboot" zu lösen. Schön, es gibt es auch interessantere Aufgaben, aber das erhoffte Klosterkrimi-Feeling will sich dennoch nicht einstellen.


Auch andere Zeitalter hatten schöne Töchter

Die Steuerung funktioniert recht eingängig, erfordert aber eine gewisse Eingewöhnung. Personen und Gegenstände, mit denen man es zu tun bekommt, werden nämlich automatisch in Scrollmenüs am unteren Bildschirmrand verfrachtet und können von dort aus dann beklickt werden. Die Grafiker haben sich des Renderings bedient und auf diese Weise schöne, minimal animierte Standbilder aus der Ich-Perspektive sowie einige hübsche Videosequenzen geliefert. Sehr passend und geradezu dokumentarisch ist übrigens die Musik-Untermalung ausgefallen; auch die deutsche Sprachausgabe klingt nicht schlecht.


Renderwahn bei den Altvorderen

NAJA
Ich gebe zu, daß ich eine Schwäche für mystische oder gar magische Stories habe, nicht umsonst gehört „Baphomets Fluch" zu meinen Lieblings-Adventures. Aber dieser Pilgervater bleibt die geheimnisvoll gekräuselte Gänsehaut schuldig. Zu profan gerieten manche Rätselstrecken, und daß die Hersteller keine Mühen gescheut haben, um eine 150 Seiten starke Enzyklopädie mit Hintergrundinformationen zum 13. Jahrhundert einzubauen, ist offenbar eher Programm als schmackhafte Beikost. Außerdem kann ich mich einfach nicht daran gewöhnen, daß das Mittelalter ausgesehen haben soll wie eine geleckte Hochglanz-Postkarte. Gerenderte Glitzer-Graflk mag für Star Trek und Konsorten okay sein, aber ein bäuerlicher Misthaufen muß nun mal ein bäuerlicher Misthaufen bleiben. Davon abgesehen hat das Programm allerdings auch Stärken, die ihm trotz allem eine gewisse Wertschätzung sichern - man denke nur an die sehr stimmige Musik, auf die jeder zeitgenössische Bänkelsänger stolz gewesen wäre.

Hersteller: Infogrames
Preis: ca. 100 Mark
Schwierigkeit: mittel
Steuerung: Maus
Besonderheiten: Mittelalter-Enzyklopädie
Spiel: deutsch
Anleitung: deutsch

Minimum: Pentium 75, 16MB RAM, 2x CDROM-Laufwerk, 2 MB SVGA Truecolo

  • Grafik  74%
  • Sound  80%
  • Spielspaß 59%

Joe Nettelbeck

PowerPlay 01/1998

Screenshots


 

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