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Philip Marlowe - Private Eye


Erscheinungsdatum: 1997
Entwickler: Byron Preiss
Publisher: Infogrames (heute Atari)

USK: geeignet ab 12 Jahren


Spielsprache: Deutsch


Boxshots


 

Ein Review von   slydos   31. Juli 2005

 

Philip Marlowe - kennt ihn irgendwer nicht? Ein zynischer aber aufrichtiger Privatschnüffler, der sich die Meriten der 'schwarzen Serie' mit den Kollegen Sam Spade und Mike Hammer teilt. Das Spiel Philip Marlowe - Private Eye basiert auf Raymond Chandlers Roman "Die kleine Schwester" von 1949. Mit Philip Marlowe wird die Ära von Sherlock Holmes beendet, der uns fast allwissend und verläßlich die Lösung der ihm anvertrauten Fälle serviert. Bei Chandler/Marlowe geht es nicht primär um die Lösung des Falles wie in den Whodunnits von Holmes, denn wenn wir es wissen, sind wir weder beruhigt noch zufrieden. Uns wird vielmehr vermittelt, egal was wir tun, wir können weder gewinnen noch etwas ändern. Daß es schon fast egal ist, wer als Täter in Frage kommt, zeigt auch das vorliegende Spiel, das uns mit gleichem Mis-en-Scène verschiedene Lösungen beschert.

Seit den 40ern beeinflußt der 'Schwarze Krimi' die Filmemacher: Taxi Driver, Dirty Harry, Pulp Fiction. Und natürlich findet sich auch ein Niederschlag in den Multimediaprodukten neuerer Zeit. Byron Preiss, 1992 gegründet, und bis Private Eye durch eher futuristische Spiele wie Robot City oder The Martian Chronicles von Ray Bradbury bekannt geworden, versuchten eine eher authentische Chandler-Umsetzung mit diesem Spiel. Byron Preiss veröffentlichte bei Buchverlagen wie Brooklyn Multimedia bevor die Zusammenarbeit mit Spielepublishern wie Simon&Schuster oder Infogrames gesucht wurde.

 

Geschichte

Ich mag das Buch gelesen oder den Film gesehen haben oder beides, genau erinnere ich mich nicht mehr an die Story und ihren Ausgang, obwohl ich alles irgendwie kenne. Weil mir der Ausgang also sowieso nicht mehr gegenwärtig war, habe ich zu Beginn des Spiels die Originalstory gewählt, denn man kann Private Eye auch mit einer alternativen Geschichte und einem neuen Täter spielen.

Zu Marlowe kommt die 'kleine Schwester' Orfamay Quest aus dem Nest Manhattan in Kansas. Sie sucht ihren Bruder Orrin, der vor einigen Monaten in Los Angeles verschwunden ist. Die Suche führt Marlowe zuerst in einen finsteren Wohnblock. Bald ist der Hausmeister eine Leiche, ebenso der Mann, der Orrin Quests Wohnung übernommen hat. Ein Arzt setzt Marlowe mit einer vergifteten Zigarette vorübergehend außer Gefecht. Als Marlowe erwacht, steht er vor der nächsten Leiche ...

Auch wenn die Anzahl der Leichen etwas anderes vermuten läßt, Chandlers Romane sind per se keine Reißer, sondern halten einen durch die Atmosphäre bei der Stange. So will auch das Spiel wirken. Spannung flackert aber - wenn man überhaupt in diesem Zusammenhang davon sprechen kann - nur kurz auf, wenn sich die Polizeisirene wieder mal aus der Entfernung nähert. Wir können dann davon ausgehen, daß wir wieder zu unseren 'Freunden', den korrupten Cops, aufs Revier geschleift werden.

Die Geschichte von Private Eye hat einen stark verzweigten, nichtlinearen Handlungsaufbau. Abhängig, ob man den Original-Plot oder die alternative Handlung wählt und von den Entscheidungen, die man während des Spiels trifft, kann man etwa 50 verschiedene Spielenden erleben, wobei es auch um die unterschiedlichsten Zukunftsaussichten für Marlowe geht. Übrigens erschien mir die angebotene Alternativhandlung erstaunlicherweise logischer als das Original.

 

Handhabung

Private Eye läßt sich unter XP installieren und spielen. Allerdings gab es zumindest bei meiner Rechnerkonfiguration enorme Wartezeiten während jedes noch so kleinen Szenenwechsels - selbst beim Schwenk nach links oder rechts per Klick auf einen der Pfeile - zermürbend und absolut tödlich für dieses Spiel. Ich habe verschiedene Einstellungen getestet ohne auch nur einen Tick schneller vorwärts zu kommen. In diesem Fall verliert man die Lust irgendetwas auszuprobieren, durch die Personenakten oder Marlowes Tagebuch zu blättern oder die aktuelle Presse eingehender zu studieren.

Eine Installation unter Windows ME auf meinem Laptop ließ das Ganze aber in einem normalen Tempo ablaufen. Übrigens ist Private Eye nur in 256 Farben und 640 x 480 Pixel Bildschirmmodus ausführbar.

Wir bewegen uns per einfacher Maussteuerung in 1st-Person-Sicht. Marlowes Büro ist der Ort, an dem wir hauptsächlich selbst tätig werden müssen. Neben dem Inventar in Form eines Schrankes finden wir in einem mehrstufigen Aktenschrank noch einige Zeitschriften für Hintergrundberichte zu Schauspielern, Kriminalfällen oder sonstigen aktuellen Begebenheiten.

Das Menü, dargestellt durch Marlowes Schreibtischutensilien, erreichen wir, wenn wir außerhalb des Aktionsfensters, das wie eine gezähnte Briefmarke aussieht, klicken. Für Neuigkeiten oder Polizeifunk drehen wir dort das Radio an, manchmal erhalten wir auch Infos per Telefon, aber meist sind es nur Drohungen irgendwelcher anonymen Figuren. Nicht letztlich spielwichtig aber zumindest für einige Hintergrundinfos gut sind die Dossiers, die Marlowe als Referenz zu jedem Charakter anlegt, über den er gestolpert ist. In einem Notizbuch mit Ortsangaben und Screenshots können wir alle seine Gespräche oder auch seine illegale Wohnungsdurchsuchungen nachlesen. Es wird für uns gedacht und gehandelt.

Zum Startmenü gelangen wir über einen Klick auf ein spezielles Blatt. Von dort kann man in einem Windows-Fenster Speichern bzw. Laden oder das Spiel verlassen. Es gibt keine Möglichkeit, Einstellungen zur Grafik oder Sound zu treffen. Im knappen deutsch/englischen Handbuch sind zwar die meisten Funktionen des Spiels dokumentiert, allerdings findet man den Shortcut zum schnellen Fensterwechsel nur in der Readme-Datei auf der Festplatte. Die nicht untertitelten Szenen können jederzeit per Klick angehalten werden und die ESC-Taste erleichtert einem das schnelle Vorwärtskommen erheblich, wenn man Szenen bereits kennt.

Insgesamt eine relativ überschaubare Handhabung, die auch per Online-Hilfe erklärt wird. Allerdings ist die Notwendigkeit, immer und immer wieder ins Büro zurückkehren zu müssen um die Desktopfunktionen, wie z. B. Speichern, ausführen zu können nicht einsehbar. Das gleiche gilt für das Inventarhandling.

 

Grafik

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Private Eye um ein Spiel in 1st-Person-Sicht, was allerdings nicht bedeutet, daß wir unseren Helden, also Marlowe, nicht zu Gesicht bekämen. Das tun wir sogar oft. Immer, wenn uns die Geschichte weitererzählt wird, Marlowe mit anderen Personen redet oder sich über den Stadtplan von Los Angeles von A nach B begibt, bekommen wir einen Eindruck von unserem Comic-Stil-Protagonisten. Es gibt sogar Ingame-Animationen wie Lippenbewegungen (leider nicht synchron), Gestik oder ein fahrendes Auto. Aber generell sind auch die 'Actionszenen' comicartig durch aneinandergereihte Standbilder ausgedrückt.

Es waren mir persönlich einfach zu viel Close-Up-Szenen drin mit bildschirmfüllenden immer sehr gleichartig anmutenden Gesichtern. Die Männer sind nie richtig böse oder düster, die Frauen nicht wirklich hübsch oder durchtrieben und Marlowe selbst sieht meist aus, wie ein etwas gestreßter New Yorker Broker. Ich kann mir nicht helfen aber es ist alles zu clean und hell und plakativ. Einzig die nächtlichen Außenszenen lassen eine Spur von Leben erkennen, auch wenn man sich eher in einer MGM-Kulisse wähnt, in der nicht ein Fitzelchen Abfall an der Bürgersteigkante ruht, es sei denn eine angemalte Pepsi-Dose.

Weg von den ausdruckslosen Gesichtern zur noch sehr viel ausdrucksloseren Rede. Leute von der Straße hätten die monotonen, schrecklich müden und zudem falsch betonten Texte gerantiert fesselnder hinbekommen als die Spezies von der Synchronisation. Hier fällt mir leider nur 'grauenvoll' ein. Die Dialogtexte haben ihre witzigen Momente, würde die schlechte Synchro nicht alles kaputt machen: Orfamay: "Früher hatte er einen blonden Schnurrbart, aber er ließ ihn sich abrasieren." - Marlowe:"Lassen Sie mich raten, der Pfarrer brauchte ihn als Kissenfüllung?"

Die US-Version wird in Bezug auf die Sprachausgabe ja noch gelobt, aber die deutsche Fassung ist einfach nur dilettantisch. Es ist lächerlich, wenn Dialekte oder Akzente von Originalsprachversionen in Übersetzungen mit einheimischen Dialekten ersetzt werden: Orrins Chef - beim Leiter einer Ölfirma kann man einen texanischen Akzent vermuten - bekommt einen fetten schwäbischen Akzent verpaßt, er spricht den Namen Orrin Quest "Orrin Quescht" aus - Du liebes Bißchen!

Dabei hat man sich doch die Mühe gegeben, alle Ingame-Grafik-Texte zu übersetzen! Die schnörkellose Grafik der Räume, in denen wir uns in 90-Grad-Schritten drehen und manchmal auch Bereiche heranzoomen können, hat eine grobe Auflösung und entspricht von Aufbau und Detailgrad nicht annähernd der Qualität, die wir heute in Freeware-Adventures bereits als Standard voraussetzen.

Die Spielgrafik orientiert sich leider nicht an den Spieltexten: Beispielsweise wird Orfamays Brille als randlos beschrieben. Im Screenshot können Sie sich selbst überzeugen, daß das nicht übereinstimmt. Orrin wird als 28jähriger Mann beschrieben, sein Foto zeigt allerdings einen deutlich älteren Charakter und so geht es weiter und weiter.

Gibt's auch etwas Positives zu berichten? Ja - die melancholische Jazzmusik, die sich zwar sehr schnell wiederholt, ist gut und paßt zum Stil der 40er Jahre.

 

Rätsel

Vielleicht stellen Sie sich die Frage, falls Sie bis hierher gelesen haben, was dieses unglückliche Machwerk nach unten hin noch abrunden könnte? Da werden wir bei der Interaktivität und dem Rätseldesign fündig. Wir können Objekte mitnehmen - Punkt. Marlowe legt sie dann automatisch in seinen Büroschrank und das war's. Aufregung beschert uns ausnahmsweise ein Streichholzheftchen auf dem eine Telefonnummer notiert ist, die wir durch Anklicken tatsächlich anrufen können. Welch grandioser Einfall! Welche Herausforderung! Nur noch zu übertreffen durch einen versteckten Code im Bücherregal mit dem wir einen Safe öffnen können! Der Adrenalinpegel steigt, das Herz schlägt höher .... aber der Tresor birgt nichts wirklich Neues außer einem unleserlichen und unwichtigen Dokument, das wir nicht mal aufnehmen oder genauer untersuchen können.

Unterhaltungen verursachen u. U. neue Eintragungen in unserem Stadtplan. Manchmal dürfen wir Entscheidungen treffen, ob wir Gesprächspartner dies oder doch lieber jenes fragen, gehen oder bleiben, ob wir unsere Waffe mitnehmen oder nicht usw. Ich habe tatsächlich daran gedacht, Marlowe mit seiner eigenen Pistole zu erschießen! Das hätte der Qual wenigstens ein Ende gemacht.

Raymond Chandler war Alkoholiker und soff sich zu Tode, während uns sein Charakter Marlowe im Spiel zumindest die Wahl läßt, den Scotch im Schreibtisch zu benutzen, um 'klare Momente' herzustellen und den Fall zu analysieren oder eben darauf zu verzichten. Die einzig wirklich schwere Aufgabe liegt darin, wach zu bleiben, sich das Gemurmel der Sprecher anzuhören und ab und zu zu klicken. Die Langeweile hat einen Namen: Philip Marlowe - Private Eye.

Wenn man Private Eye in einer ungehemmten Version (ohne die XP-Probleme) spielen kann, wird man mit 2 Stunden Spielzeit zumindest eine Version der vorgesehenen Enden zu sehen bekommen. Ich habe mich weit über 20 Stunden damit beschäftigt und war danach erschlagen und froh das Spiel wegpacken zu können. Wirklich Lust auf das Wiederholen der Szenen mit anderen Entscheidungen kommt einfach nicht auf.

 

Fazit

Es gibt weder Ansätze von Spannung noch Atmosphäre, die Interaktivität beschränkt sich auf das Einsammeln einiger Gegenstände, mit denen wir aber nichts anstellen können, oder einigen Tu-ich-jetzt-lieber-dies/ oder-lieber-das-Entscheidungen. Die ständige erzwungene Rückkehr ins Büro, die miese Lokalisation, die wenig animierte, ausdrucksfreie Grafik, nichts von alledem würde selbst sehr gewogene Spieler davon abhalten, das Spiel vorzeitig abzubrechen.

Wenn man an das Jahr 1997 denkt, dann fallen einem Spiele wie Bladerunner, The Last Express oder auch Jack Orlando ein. Private Eye gehört fraglos zu den Flops dieses Jahres und ich kann es guten Gewissens noch nicht einmal eingefleischten Fans von Adventurespielen bzw. Chandler-Krimis als Pausenfüller empfehlen. Weder die einen noch die anderen werden sich über dieses Antispiel freuen. Es sollte eigentlich der erste Teil einer Serie werden. Ich ahne, warum daraus nichts wurde.

Ich habe mir nicht vorstellen können, jemals einem solch' öden Krimi zu begegnen, der selbst die Bezeichnung Spiel kaum verdient hat. Es handelt sich um einen schlechten interaktiven Comic. Lesen Sie stattdessen das Buch oder spielen Sie eine kurzweiligere Partie Tic Tac Toe. Ihrem PC zuliebe.



Bewertung: 32 %

 

Bewertungssystem Adventure-Archiv:

  • 80% bis 100% sehr gutes Spiel (sehr empfehlenswert)
  • 70% bis 79% gut (empfehlenswert)
  • 60% bis 69% befriedigend (bedingt empfehlenswert, mit Abstrichen)
  • 50% bis 59% ausreichend (nicht gerade empfehlenswert)
  • 40% bis 49% ziemlich schlecht (eher abzuraten - etwas für Hardcore-Adventure-Freaks und Sammler)
  • 0% bis 39% grottenschlecht (lieber die Finger davon lassen)

 

Systemanforderungen:

  • Windows 3.1 oder Windows 95
  • PC 486 DX 66 MHz oder höher
  • 8 MB RAM
  • Grafikmodus SVGA (640 x 480, 256 Farben)
  • 2x CDROM Laufwerk
  • 100% Soundblaster kompatible Soundkarte bzw. 100% Windows kompatibel
  • Maus

 

gespielt mit:

  • Windows XP
  • P IV 1,6 GHz
  • 512 MB RAM
  • 16x DVD-ROM (Ultima Artec)
  • nVidia GeForce 2MX400 64 MB Grafikkarte
  • Soundkarte DirectX-kompatibel

 

 

Copyright © slydos für Adventure-Archiv, 31. Juli 2005

 

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Die Landkarte
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