Zurück zur Adventure-Archiv Startseite
This page in English (coming soon)
Runaway 2 - The Dream of the Turtle
Entwickler: Pendulo Studios
Releasedatum: 11/2006
Publisher: AnacondaSpielsprache: deutsch
USK: ab 12 Jahren
PEGI: 12+
Ein Review von slydos 13. Dezember 2006
Die Fortsetzung des Kultklassikers von 2002 ist erschienen. Vor 4 Jahren habe ich Runaway eine 92er-Wertung gegeben.
Da ist nicht nur meine persönliche Erwartung hoch. Für alle, die bereits ans Ende dieses Reviews gescrollt sind: meine Erwartungen wurden in vielerlei Hinsicht erfüllt, manchmal übertroffen, in einigen Aspekten jedoch nicht erfüllt und z.T. sogar enttäuscht.
Geschichte
Der einstige Doktorand Brian Basco und seine Freundin Gina Timmins kosten ihr nun durch keine materiellen Probleme getrübtes Leben auf Hawaii voll aus. Gina ist die treibende Kraft, ein Tempeleiland mit malerischen Wasserfällen zu besuchen. Wenige Fluglinien steuern die tropische Insel noch an - um genau zu sein, nur ein kleiner Privatflieger eines abgewrackten Ein-Piloten-Unternehmens konnte gefunden werden, das Traumpaar auf die Trauminsel zu bringen.
Aber wer mit Gina reist, reist halt gefährlich. Und Brian liegt mit seiner Nachfrage am Landungssteg des Wasserflugzeugs letztlich nicht falsch, ob es kein Verfallsdatum für Piloten gibt. Den gutgelaunten Mittsiebziger scheinen die Lebensgeister während des Fluges zu verlassen und eine Bruchlandung ist unabwendbar. Brian, ganz Gentleman, stößt Gina mit dem einzig vorhandenen Fallschirm in die Tiefe. Während wir beobachten, daß auf die Schönheit erfolgreich geschossen wird, ist Brian mit der Rettung seines eigenen Lebens beschäftigt. Er weiß nur, daß Gina in Richtung eines Sees trieb. Brian überlebt den Crash ohne Kratzer und macht sich auf die Suche nach der Geliebten ...
Eine wirklich rasante und spannende Auftaktsequenz! Spannend bleibt es auch das ganze Spiel über, dabei driftet die Story aber in 6 Kapiteln zunächst vom humorvoll-realistischen Erzählen in eine fast mystische Akte X-Welt ab, macht einen Schlenker über zutiefst comicmäßige Übersteigerungen, Charaktere und Wendungen und landet Dallas-Bobby-Ewing-mäßig in einer Parallelgeschichte mit Zeitreisetouch bei der es hauptsächlich um Rum-Beschaffung im Freibeutermilieu geht. Erst dann kann Pendulo den letzten Schnitt wagen und den solchermaßen bearbeiteten Spieler schließlich vollkommen vom natürlichen Verlangen nach Ganzheit abspalten um eine letzte, endgültige Überraschung zu präsentieren: denn wer alles erfahren will, muß auf Runaway 3 warten!
Während Runaway 1 seinen Charme aus den damals frischen Charakteren und der auf diese Art noch nicht erzählten Geschichte schöpfte, zitiert Runaway 2 bereits munter aus dem eigenen Fundus. Aber leider nicht nur das. Es leidet unter einer zu großen Bedachtsamkeit auf Kniefällen vor allem und jedem. Vor lauter Respektsbezeugungen und Anspielungen auf Filme, TV und andere Spiele in den umfangreichen Texten und opulenten Bildern bleibt die eigene Originalität und Kontinuität etwas auf der Strecke.
Sicher werden auch mehr als einmal die Lachmuskeln gereizt, aber auch mehr als einmal geht ein Gag daneben, manchmal weil er einfach zu flach, zu derb, zu unpassend ist oder durch die Übersetzung gelitten hat. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Textbeauftragten hätten eine Strichliste gehabt, auf der sich alle wichtigen unterzubringenden Begriffe befanden, die man dann wie in einem Gesellschaftsspiel sinnvoll in einen Zusammenhang zu bringen versucht. Mash - abgehakt, Norse by Norsewest - abgehakt, Indiana Jones - abgehakt ...
Trotzdem - rasant und spannend bleibt das Ganze - auch dieses Mal. Die Erwähnung und der Ausbau von 'alten Bekannten' und die Einführung neuer 'Typen' liegen manchmal daneben (Tarentula) oder treffen ins Schwarze (Pilot). Aber Gina als Randfigur - wie kann man nur!
Zusammenfassend: an die Lockerheit, Frechheit und Originalität des ersten Teils kann Runaway 2 nicht ganz anschließen, an Spannung mangelt es allerdings nicht: es läßt einen kaum vom Bildschirm los bis zur aller-allerletzten Filmsequenz! Und die sollte nach etwa 20 Stunden zu sehen sein.
Installation/Technisches
Die DVD, von der wir reibungslos installieren können, muß im Laufwerk belassen werden. Wir erreichen danach das übersichtliche Hauptmenü. Hier bekommt man alles, was man zum Spiel braucht sozusagen aus einer Hand: neben den üblichen Menüpunkten wie "Speichern", "Laden", "Verlassen", "Weiterspielen" können wir hier alle Optionen des Spiels einstellen wie Lautstärke, Untertitel usw. - wir benötigen also kein weiteres Menü, um unsere Anpassungen vorzunehmen. Wir können hier auch unsere Einstellungen sichern oder die Voreinstellungen abrufen. Platz bleibt im Hauptmenü sogar für ein kleines Bild der aktuellen Szene.
Rätsel
Die Rätsel in Runaway 2 bewegen sich fast ausschließlich in den Bereichen Inventar-/Objekträtsel oder Dialogrätsel mit seltenen Ausnahmen.Mir haben sie überwiegend Spaß gemacht auch wenn ich zugeben muß, daß sie manchmal sehr an den Haaren herbeigezogen und dann tatsächlich nur per Versuch&Irrtum lösbar sind (Weinflaschenrätsel). Sie folgen trotzdem überwiegend logischen Ableitungen aus der Geschichte und den präsentierten Möglichkeiten, wobei aber starke Linearität angesagt ist, so daß man Aktion B erst durchführen kann wenn man Informationen über A erhalten hat und so Handlungen, die zunächst als unmöglich erscheinen, dann doch zu einem bestimmten späteren Zeitpunkt machbar sind. Das ist rückblickend einleuchtend aufgezogen. Naja, fast immer. Ein Beispiel: man kann aus einem Behälter mit vielen Schlauchstücken zunächst nur 2 mitnehmen. Nachdem man eine Packung 'geiler' Kabelbinder gefunden und die beiden Teile verbunden hat, geht einem ein Licht auf, daß man den gesuchten langen Schlauch nun doch aus noch mehr Schlauchstücken herstellen könnte ...
Was mit fortschreitender Spieldauer wenig einfallsreich erschien, war ein sich oft wiederholendes Muster, bei dem man kurz vor einer bevorstehenden Lösung nochmals Äste zwischen die Beine geworfen bekommt. Sowas sollte 2-3 gemacht werden aber nicht zum vorhersehbaren Standardrepertoire gehören.
Die Rätselgüte schwankt von leicht durchschaubar bis ausgeklügelt. Der Schwierigkeitsgrad liegt gleich von Beginn an im mittleren Bereich und erreicht die eine oder andere Spitze über das Spiel verteilt ohne ein spezielles Muster. Eine geringe Menge von Hotspots ist nicht rätselrelevant. Ihre Zahl wurde aber so ausgewogen bemessen, daß sie immer wieder zur Ablenkung der Spieler beiträgt und so den Schwierigkeitslevel nicht zu stark absinken läßt.
Interessant sind einige wirklich originelle, ja überraschende Inventarmanipulationen, die, arhythmisch gestreut, die Spieler immer wieder vor Herausforderungen stellen. Die Rätsellösungen sind immer dann besonders befriedigend, nachdem versucht wurde, die Spieler sachte in eine falsche Richtung zu bugsieren und sie durch ein Weiterkommen zu belohnen, wenn sie der Ablenkung nicht nachgeben sondern standhaft ihr Ziel verfolgen.
Immer dann, wenn Brian ins offene Messer laufen würde, nimmt er sich selbst zurück. Er führt keine Aktionen aus, die ihm so gefährlich werden könnten, daß es zu einem GameOver käme. Er weiß immer genau, was er sich selbst zumuten kann und wir erhalten darüber auch ausführliche Aufklärung durch seine Kommentare. Geschicklichkeitseinlagen muß unser Held allenfalls automatisch ohne unser Zutun absolvieren. Da ist Runaway 2 Adventure pur und stellt solche Szenen in Filmsequenzen dar.
Sound/Grafik
Runaway 1 war eine grafische Augenweide. Trotzdem hat der zweite Teil noch ein Schäufelchen drauflegen können. Da diesmal auch die meist rasanten Videosequenzen 1a-Qualität vorweisen, gibt es keinen Kritikpunkt an der absolut perfekten grafischen Inszenierung. Ich habe mir die wundervoll scrollenden Hintergründe und opulenten Szenenbilder, über 100 an der Zahl, auf einem 26"-Bildschirm genehmigt. Da vergißt man vollkommen, daß es sich nicht um einen Kinofilm, sondern ein PC-Spiel handelt. Über das Menü können wir je nach Rechnerleistung zusätzlich die Kantenglättung zu- bzw. abschalten.
Auch die großartige Stereo-Soundkulisse (Dolby 5.1 beim entsprechenden Equipment), besonders im Dschungel, trägt zu diesem Eindruck bei. Die Charakteranimationen der über 25 Mitspieler inklusive Mimik, Gestik und Lippensynchronität sind beeindruckend und trotz ihrer Comicmentalität und Vereinfachung nuanciert und ausdrucksstark. Das einzige, was mir insgesamt ein 'aber' in Hinsicht auf die Grafik entlockt, ist die Länge der Videosequenzen zu Beginn und am Ende von Kapiteln, manchmal auch während des Spiels. Sie sind geradezu episch lang und heben die Involviertheit der Spieler auf. Hier paßt der englische Begriff Cutscenes, denn es kommt jedesmal zu einem Cut, zu einer langen Unterbrechung des Spielflusses, nach der man sich selbst etwas mühsam wieder in die Geschichte zurückholen muß.
Texte/Sprachausgabe/Sound
Monologe, Dialoge, Kommentare - kurz, die Textmenge ist äußerst umfangreich. Da erfährt man viel Hintergründliches, auch wenn kein direkter Zusammenhang mit dem Spielfortschritt besteht. Für Dialogmuffel: natürlich könnte man den langen Dialogen entgehen, da sie aber oft rätselrelevant sind, ist das schnelle Skippen nicht ratsam. Aus rätseltechnischen Gründen müssen manche Dialoge mehr als einmal wiederholt werden - kein Feature für ungeduldige Zeitgenossen!
Brian, Gina und ihre Freunde haben ihre Synchronstimmen behalten und auch die debütierenden Charaktere wurden passend von Profis besetzt. Diesmal aber ist nicht mehr alles ganz so perfekt wie im ersten Teil. Speziell zum Ende des Spiels kommt es zu einer größeren Ansammlung von Flüchtigkeitsfehlern sowohl in der Übersetzung aber auch in der Zuordnung von Texten zu Hotspots. Auch die eine oder andere Betonung kam hier und da nicht sinngemäß rüber. Oder Brian spricht mit seiner Telefonstimme auch wenn er nur neben einem Telefon steht.
Der Sprachschatz des 'obligatorischen' Papageis ist enorm und gehört neben den vielen Hintergrundgeräuschen und Soundeffekten zur umfangreichen akustischen Ausstattung von Runaway 2.
Musikalisch knüpft die Fortsetzung ebenfalls an den ersten Teil an. Mehrere Musiktitel mit der Sängerin Vera Dominguez, bekannt für den Titelsong des ersten Teils, setzen während des Spiels unverwechselbare Akzente, während die Intromusik, interpretiert von Ryk-C, eher etwas für Boygroup-Fans ist.
Steuerung/Handling
Runaway 2 ist genau wie sein Vorgänger ein 3rd-Person-Spiel im 2D/3D-Look und wird ausschließlich mit der Maus gesteuert. Zusätzlich gibt es einige Hotkeys, mit denen man Mausfunktionen ebenfalls ausführen kann, wie z. B. der Aufruf des Hauptmenüs mit ESC. Immer, wenn wir während des Spiels ins Optionsmenü oder Inventar wechseln möchten, müssen wir aber nur den Cursor an den oberen Bildschirmrand bewegen. Die Funktionen der Runaway1-Steuerung wurden auch in dieser Fortsetzung beibehalten. Warum auch ändern, was bereits ausgezeichnet funktionierte.
Brians Darstellung in der Vollbildanzeige des Inventars wurde ebenfalls beibehalten. Inventargegenstände werden meist zweifach beschrieben wie übrigens viele der Hotspots auch. Wir können nicht nur Objekte auswählen und anschauen, sondern auch kombinieren. Beim Kombinieren muß man wieder über den in einem Fenster sichtbaren Brian schmunzeln, wenn er sich herunterbeugt und vor unseren Augen versteckt, raschelnd verschiedene Gegenstände kombiniert. Nicht mehr benötigte Objekte verschwinden und werden spätestens zu Beginn eines neuen Kapitels entfernt.
Hotspots werden neben der Veränderung des Cursors und einer Textbeschreibung grundsätzlich auch durch ein Geräusch angedeutet. Die Steuerung ist einfach, übersichtlich und intuitiv nutzbar.
Fazit
Runaway 2 hat es wieder geschafft, mich an den Bildschirm zu fesseln. Ein sehr gutes Spiel mit perfekter Grafik, angenehmer Steuerung, gut eingebetteten Rätseln, toller Musik, Sprachausgabe und Sound, bleibt es doch von der Erzählseite klar hinter dem Vorgänger zurück. Dabei wiegt schwer, daß es keinen abgeschlossenen Handlungsrahmen hat und zur Auflösung der offenen Fragen auf den Nachfolger verwiesen wird.
Meine Gesamtbewertung: 84%
Bewertungssystem Adventure-Archiv:
- 80% bis 100% sehr gutes Spiel (sehr empfehlenswert)
- 70% bis 79% gut (empfehlenswert)
- 60% bis 69% befriedigend (bedingt empfehlenswert, mit Abstrichen)
- 50% bis 59% ausreichend (nicht gerade empfehlenswert)
- 40% bis 49% ziemlich schlecht (eher abzuraten - etwas für Hardcore-Adventure-Freaks und Sammler)
- 0% bis 39% grottenschlecht (lieber die Finger davon lassen)
Minimale Systemvoraussetzungen:
- Windows 98/ME/2000/XP
- Pentium III
- 128 MB RAM
- DirectX 9-kompatible Grafikkarte
- Bildschirm mit Unterstützung für 1024 x 768 und 16/24 Bit Farbtiefe
- DirectX-kompatible Soundkarte (5.1 Soundsystem empfohlen)
- DVD-Laufwerk
- Maus und Tastatur
gespielt mit:
- Windows XP
- Pentium IV 3,6 GHz
- 2 GB RAM
- 48x DVD-ROM
- NVidia GeForce 7600GS 256 MB
- Soundkarte DirectX-kompatibel
Copyright © slydos für Adventure-Archiv, 13. Dezember 2006
Zum Vergrößern auf die Screenshots klicken
Dieser kleine Kerl hat eine ganz besondere Qualität ...
Ein hartes Stück Arbeit bis hierhin
Colonel Kordsmeier hat den größten Teil der Insel räumen lassen ...
... bis auf kleine Enklaven wie diese
... bevor er sich mit einer Inselschönen vergnügt - natürlich alles für die Sache ... eh, was war das gleich nochmal?
Wir steigen hinunter in gigantische Tempelanlagen ...
... und frieren in der Wildnis von Alaska
Meistens erhalten wir mehr als einen Kommentar zu einem Gegenstand
Ins Visier genommen - jemand außerst Böses lauert da draußen!
Sushi ist wieder mit von der Partie
"Betrachte 'Fahr mit dem Aufzug hinunter'" - wieder eine verwechselte Hotspotbeschriftung!
Wir driften durch Zeit und Raum ...
... und durch die Tiefe des Meeres