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Scratches


Erscheinungsdatum: 01/2006
Entwickler: Nucleosys
Publisher: Rondomedia

Spielsprache: deutsch


Boxshots

USK: ab 16 Jahren

 

 

Ein Review von slydos   31. Januar 2006

 

Bevor sich Rondomedia des Spieles angenommen hatte, war Scratches als Erstlingswerk von Nucleosys ein durchschnittliches Independentspiel mit einer mittelmäßigen Grafik, zumindest was man so in der Demo sehen konnte. Aber es ist noch jede Menge seither daran geputzt worden und was die argentinischen Entwickler und der deutsche Publisher tun konnten, haben sie getan.

 

Verpackung/Handbuch

Beispielsweise überrascht das Gruseladventure mit einer schönen Minihardbox mit gruseligen Reflektionen auf schwarzem Grund und einem ebenso gebrauchsfreundlichen wie übersichtlichen, mehrfahrbigen Hochglanzhandbuch dessen 12 Seiten neben einer illustren Credits-Liste einen Gutschein für den Hamburg Dungeon beherbergt. Für die Minimalisten wird die CDROM nochmals in einer DVD-Box aufbewahrt.

 

Installation/Start

Die Installation klappte bei mir absolut fehlerfrei genau wie das gesamte Spiel keinerlei technische Probleme machte. Ich habe zwar von einigen Startproblemen anderer Spieler gehört, zu denen bereits ein Patch in Arbeit sein soll, mein 3 Jahre alter Standardrechner und Scratches standen jedenfalls auf Du und Du. Die 482 MB wurden schnell installiert und schnell geht es auch nach einem Vorspann im Filmstil (kann mit ESC abgebrochen werden) ans Eingemachte, d.h. zum Hauptmenü, in dem wir vor Spielbeginn noch einige Optionen verändern können, wie Bildschirmgamma, Surroundeffekte und Musik an-/abschalten oder die Geschwindigkeit von Kamera und Texteinblendungen. Außerdem ist es möglich, Spielhinweise zuzuschalten. Das zeigt aber nur am Anfang Wirkung, um den Spielern das Handling und die ersten Schritte zu erleichtern.

 

Geschichte

Michael Arthate ist Mystery-Autor. Nach dem Erfolg seines ersten Buches will er sich zu Inspirationszwecken aufs Land zurückziehen und hat seinen Freund und Makler Jerry Carter beauftragt, für ihn ein passendes, einsames Landhaus zu finden, damit er seinen zweiten Roman beenden kann. Der hat getan, was er konnte und für ihn ein verlassenes Anwesen in der Nähe des Städtchens Rothbury in Northumberland gefunden. An einem nebligen Tag des Jahres 1976 fährt Michael mit seinem Austin Mini dorthin. Damit beginnt eine zwar übliche, aber keineswegs unspannende Haunted-House-Geschichte.

Denn typischerweise hat das verlassene, heruntergekommene Herrenhaus im viktorianischen Stil eine bisher unentdeckte Geschichte, die Michael Stück für Stück aufdeckt und typischerweise gibt es im Laufe der Story unheimliche und unerklärliche Vorkommnisse. Ein altes aber funktionstüchtiges Telefon ist Michaels Draht zur Außenwelt. Sonst ist er allein und sucht mit seinem Köfferchen und einer Schreibmaschine das für ihn vorbereitete Zimmer, während er sich gleichzeitig mit der Hinterlassenschaft der früheren Bewohner bekannt macht ...

 

Ungereimtheiten in der Geschichte

Wenn ich vorhabe, allein in ein abgelegenes Haus zu ziehen, dann nehme ich mir wenigstens einige Lebensmittel und Haushaltsgegenstände mit. Aber der gute Michael verläßt sich anscheinend vollkommen auf seinen Maklerfreund, und hat auch tagelang weder Hunger noch Durst. Na der wäre mir u.U. auch vergangen, wenn ich den Inhalt des Kühlschrankes gesehen hätte, in einem Haus, das angeblich von einer Putzfrau gesäubert worden sein soll. Will gar nicht reden von Aktionen, die der selbsternannte regenscheue Michael dann trotzdem anstellt, ohne das nasskalte Unwetter abzuwarten.

Personen auf Fotos tragen Kleidung der Jahrhundertwende, obwohl sie Anfang der 60er gelebt haben, die Dame des Hauses war noch mit 51 Erstgebärende - Respekt! Und in den 70ern gab's bestimmt auch in Northumberland eine Telefonauskunft und Taxis, die so einiges vereinfacht hätten. 

Humor und Spannung - verträgt sich das? Im Prinzip sind Anspielungen auf andere Adventurespiele eine Auflockerung. In der Bibliothek des Hauses finden wir dazu diverse Bücher zu denen Michaels Kommentare verhalten ironisch klingen. Im Keller, in dem Michael vor unheimlichen Geräuschen zu zittern beginnt - und es ist ist eine wirklich spannende Situation - wird eine scheint's unumgängliche Anspielung auf's Baphomet-Kistenschieben gemacht! Willkommen entschärfend, wenn man sowieso der Gänsehauttyp ist, aber ein Spannungsbruch, wenn man dauerhaft Nervenkitzel wünscht.

 

Der Schluß

So interessant und spannend die Geschichte zunächst sein mag, so gut gewisse Handlungen oder Nicht-Handlungen während des Spiels erklärt werden, so unbefriedigend ist das Ende. Es fehlen einfach zu viele, grundlegende Aufklärungen. Nicht, daß ich etwas gegen undurchsichtige Enden hätte, die geschickt inszeniert zum Nachdenken anregen, aber Scratches ging mir einfach zu schnell und unfundiert zuende.

 

Bedienung

Es gibt nur 10 Speicherplätze, die automatisch mit einer Textzeile zu Spielort und Zeit gefüllt werden.

Scratches ist ein 1st-Person-Adventurespiel. Standardmäßig bewegt man sich per Point&Click in einer 3D-Panoramaansicht, in der man sich stufenlos um sich selbst drehen und nach oben bzw. unten schwenken kann. Wer es besser findet, kann allerdings auch per Tastatur steuern. Auch extreme Blickwinkel sind rätselrelevant! Je näher man den Bildschirmrändern kommt, desto schneller die Bewegung. Die Spieler sehen auf einen Blick nur kleine Bildausschnitte vom Gesamtpanorama oder einer Szene. Drehen Sie sich immer um! Sie könnten sonst etwas Wichtiges übersehen. Ein Zimmer oder ein Schauplatz hat meist verschiedene Kameraperspektiven. Gegenstände können aus einem anderen Blickwinkel manipulierbar sein.

Eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinder zeigt Szenen- oder Perspektivwechsel an. Der Iconcursor ist von gut erkennbarer Größe und verändert sich in eine Hand mit Lupe, wenn wir etwas näher ansehen können. Oft zoomt man dazu in feststehende Bildausschnitte hinein. Die Anzeige des Lupencursors kann auch bedeuten, daß wir ein Inventarobjekt anwenden können. Es gibt keine Textanzeigen als Beschreibung bei Mausberührung, erst bei Verwendung der linken Maustaste erfahren wir mehr zu Hotspots durch Michaels Gedanken und Kommentare als Textanzeige am unteren Bildschirmrand. Diese Texte werden nicht gesprochen.

Grundsätzlich ist Scratches sehr einfach zu steuern, kaum benötigt man die Online-Hinweise oder das Handbuch. Ein wenig unkomfortabel war auf Dauer die Inventarbedienung: Die rechte Maustaste öffnet das bildschirmfüllende Inventar, das man nach erfolgloser Anwendung eines Gegenstandes immer wieder erneut öffnen muß, um den gleichen oder einen neuen Gegenstand auszuwählen.

Nehmen wir an, Sie tragen u.a. 2 Schraubendreher, 2 Zangen, 1 Haken, 1 Brecheisen, ein Messer, einen Zimmermannshammer bei sich, und wollen beispielsweise etwas im Keller reparieren, da kann man sich schon mal einen Wolf klicken! Auch wenn man erfolgreich war, wird einem das zu selten durch Kommentartexte oder sichtbare Hinweise angedeutet. Ich habe oft im Inventar nachschauen müssen, ob ein Objekt immer noch da war oder gepaßt hatte. Man kann Objekte genauso innerhalb des Inventars anwenden wie außerhalb, das Kombinationsergebnis mit der Inventarlupe betrachtet, ergibt einen beschreibenden Text des neuen Objektes. Ich hätte mir eine zusätzliche Vergrößerungsfunktion durch die von Beginn an vorhandene Inventarlupe gewünscht.

 

Rätsel

Bei den Rätseln punktet Scratches so richtig: die sind einfallsreich und frisch und vertrauen darauf, daß die Spieler in die Handlung vertieft mitdenken. Es gibt meist Hinweise, aber die sind z.T. subtil. Wenn man mit offenen Augen durch das Spiel geht, und nicht immer direkte Tipps erwartet, sollte man mit der Spiellogik zurecht kommen. Allerdings muß ich sagen, daß ich 2 Rätsel gelöst habe, ohne wirklich bereits einen Anstoß dazu erhalten zu haben. Auch das ist möglich, denn Scratches ist nicht ganz so linear, wie es auf den ersten Blick scheint. Linear deshalb, weil man an gewissen Stellen einfach einen Trigger benötigt, damit sich die Uhr in der Diele weiterbewegt und damit die Tür für weitere Rätsel öffnet, nichtlinear, weil man eine Reihe von Rätseln vorbereiten kann, bevor es notwendig wird. Einmal war allerdings die Abhängigkeit von einem ganz bestimmten, relativ unwichtigen Trigger an einer vollkommen anderer Stelle nicht einsehbar und ich wunderte mich, warum ich deshalb ein Rätsel noch nicht angehen konnte, das zur Spielfortsetzung notwendig war und logisch als Nächstes anstand.

Es geht zu 90 Prozent um Objekt-/Inventarrätsel. Meist jedoch kombiniert mit Interpretationen der Umgebung, von Bildern, Dokumenten, Beobachtungen oder Dialoginhalten. Zu Beginn finden wir einen leichten Schwierigkeitsgrad vor, je weiter wir vorankommen, desto geringer die Hinweise, was als nächstes zu tun ist. 2 Rätsel würde ich als schwer bezeichnen. Der gesamte Rätselvorrat wird durch einen hohen Hotspotfaktor auf ein mittleres Schwierigkeitsniveau gehoben, d.h. durch viele, nicht spielrelevante interaktive Bildbereiche wird man von den darurnter verborgenen, wirklich wichtigen Aktionspunkten abgelenkt.

Deshalb ist es sehr schwer, eine mittlere Spieldauer für Scratches anzugeben. Ich habe ca. 13 Stunden ohne Lösung gebraucht, bin dabei an einigen Stellen hängen geblieben, die mir ein mehrmaliges, akribisches Absuchen der meisten Räumlichkeiten abverlangten. Es ist ohne weiteres möglich, 15-20 Stunden mit Scratches zu verbringen. Ich halte Scratches nicht für ein direktes Einsteigerspiel. Einsteiger sollten Syberia, Nibiru und ein paar andere Ähnliche spielen und erst dann auf Scratches zurückkommen. Sie werden dann mehr Spaß haben. Übrigens gibt es kein GameOver und keine Geschicklichkeits- bzw. Actionelemente.

 

Musik/Sound

Die Atmosphäre wird mit ausgezeichneter und spannungsgeladener Musik und einer Reihe von gruseligen Geräuscheffekten auf das richtige Gänsehautlevel gebracht und es gibt auch einige dramaturgisch gut gesetzte nervenaufreibende Szenen. Ein einzelnes Harfen-Pling an der richtigen Stelle und man zuckt zusammen! Aber an die perfekt gruselige Stimmung von Darkfall 1/2 reicht es deshalb nicht heran, weil die Geräuscheffekte zu oft eine Dauerberieselung darstellen und selten pointiert gesetzt wurden oder teilweise zugunsten eines Textes wie "Irgendwoher hörte ich ein seltsames Kratzen. Meine Knie begannen zu zittern." wegfielen. Irgendwie trauten sich die Macher nie, bis an die Grenze zu gehen und hantierten mit Rückziehern. Kategorie 'wohlig gezähmter Nervenkitzel'.

Bei der Sprachausgabe war ich zunächst überrascht: Michael wurde sehr passend wie bereits angekündigt von Marcus Off (Johnny Depp in Fluch der Karibik) gesprochen und über F.-J. Steffens als Inspektor habe ich mich zusätzlich zu seinem Einsatz an dieser Stelle darüber gefreut, daß ich jetzt weiß, wer AM in "I have no Mouth ..." gesprochen hat. Ich war deshalb überrascht, weil ich auch eine Vertonung von Michaels Gedanken und Kommentaren erwartet hatte, die aber nur als stumme Textzeilen erschienen. Nur real gesprochene Texte, d.h. die Telefonate, wurden auch tatsächlich synchronisiert, was sparsam aber durchaus legitim ist. Und das sind gut gelungene, spritzige Dialoge, wenn's auch nur wenige sind.

 

Grafik

Überraschend aber auch die Grafik: War sie zu Demozeiten noch nicht wirklich professionell, so kann man sich beim fertigen Spiel nicht beklagen. Sowohl die Qualität der 3D-Grafik, Farbgebung, Bildausschnitte, Bewegungstypus erinnerten mich stark an frühere Index+-Spiele wie beispielsweise Dracula. Da gibt es wirklich in allen Szenen liebevoll gesetzte Details, die meist auch noch alle zu untersuchen sind. Hotspotbereiche sind unmerklich eingebettet, kleine fließende Animationen beleben Michaels Aktionen, sei es das Öffnen einer Kaffeemühle oder das Anheben des Telefonhörers. Alle Animationen, Filmsequenzen und unsere Fortbewegung sind etwas verschwommener als das ruhende Bild, gewinnen aber sofort und fein abgestimmt wieder an Schärfe, sobald die Bewegung endet. Die vielen gut ausgestatteten Szenen verlocken zum Untersuchen und scheinen durch die 360-Grad-Sicht so unendlich viele Möglichkeiten zu beinhalten. Manchmal bin ich ums Haus herum gegangen, nur um zu sehen, ob ich einen Blick auf eines der zuvor betretenen Zimmerfenster werfen könnte. Da wir uns viel im Haus und seiner Umgebung hin- und herbewegen müssen, sollten wir uns die genaue Lage von Räumen, Fluren und Fenstern zueinander merken. Die Panoramasicht kann (und soll) dabei schon mal für Verwirrung sorgen, die durch den späten Fund eines Hausplanes allerdings wieder entwirrt werden kann. Ein weiters Lob gilt der Lokalisation, daß auch alle relevanten und viele nicht spielrelevante Grafiktexte auf deutsch übersetzt wurden.

 

Fazit

Nucleosys eifert eindeutig Dark Fall nach. Es fehlt nur noch ein wenig dessen Fingerspitzengefühl beim Komponieren einer Mysterystory. Rätsel, Grafik, Atmosphäre haben mich sehr positiv überrascht. Rondomedia hat's gut gemacht uns dieses Gruseladventure nach Deutschland zu holen.

   

Meine Bewertung: 74 %

 

 

  

 Bewertungssystem Adventure-Archiv:

  • 80% bis 100% sehr gutes Spiel (sehr empfehlenswert)
  • 70% bis 79% gut (empfehlenswert)
  • 60% bis 69% befriedigend (bedingt empfehlenswert, mit Abstrichen)
  • 50% bis 59% ausreichend (nicht gerade empfehlenswert)
  • 40% bis 49% ziemlich schlecht (eher abzuraten - etwas für Hardcore-Adventure-Freaks und Sammler)
  • 0% bis 39% grottenschlecht (lieber die Finger davon lassen)

 

Systemvoraussetzungen:

  • Athlon-/Pentium II oder vergleichbarer Prozessor mit 1 GHz
  • Windows 98SE/ME/2000/XP
  • 128 MB RAM
  • 16 MB Grafikkarte
  • 16 Bit Soundkarte
  • CDROM- oder DVD-Laufwerk
  • DirectX 8.1 oder 9.x-kompatible Hardware

gespielt mit:

  • Windows XP
  • P IV 1,6 GHz
  • 512 MB RAM
  • 16x DVD-ROM
  • nVidia GeForce 2MX400 64 MB Grafikkarte
  • Soundkarte DirectX-kompatibel



 

Ankunft in Blackwood Manor
Ankunft in Blackwood Manor


Michaels Auto
Michaels Auto


Jerry ruft manchmal an
Jerry ruft manchmal an

 

Die Bibliothek
Die Bibliothek

 

Ein Esszimmer mit seltsamen Gläsern
Ein Esszimmer mit seltsamen Gläsern

 

Von der Küche können wir in einen sonst unzugänglichen teil des Gartens gehen
Von der Küche können wir in einen sonst unzugänglichen Teil des Gartens gehen


Michaels Zimmer
Michaels Zimmer

 

 

Viel Gerümpel
Viel Gerümpel

 


Das Inventar
Das Inventar

 


Später findet man einige Pläne des Hauses
Später findet man einige Pläne des Hauses


 

Malutensilien
Malutensilien

 

 

Mrs. Blackwood hat immerhin noch mit 51 ein Kind bekommen
Mrs. Blackwood hat immerhin noch mit 51 ein Kind bekommen


Wir müssen häufiger auf den Dachboden
Wir müssen häufiger auf den Dachboden

 

Welches dunkle Geheimnis birgt die Kapelle
Welches dunkle Geheimnis birgt die Kapelle

 

Der Altar
Der Altar

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © slydos für Adventure-Archiv, 31. Januar 2006

 

 

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