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Shady Brook


Erscheinungsdatum: 08/2005
Entwickler/Publisher: Unimatrix Productions
Spielsprache: Englisch

Homepage

Patch

Keine Angabe zur Altersbeschränkung

 

 

Ein Review von   André   27. August 2005

 

Wenn ich normalerweise zum Briefkasten gehe, ist meine Laune eher gedämpft. Der Gang ist gedrungen und der Blick mürrisch bis trübe-bedrückt, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass Dinge, welche sich gewöhnlich in Briefkästen befinden, in den allermeisten Fällen eher negativer Natur sind, sprich Rechnungen, Werbeschrott von Versicherungen und Kredithaien oder Ähnliches.

Als ich vor einigen Tagen die Post öffnete, erhellte sich meine Laune allerdings schlagartig und mein Blick nahm diese freudig erregten bis leicht manischen Züge an, wie man sie immer in meinem Gesicht ablesen kann, wenn mir etwas Positives widerfährt.

Die freudige Nachricht kam in diesem Fall aus den USA, genauer gesagt
Chicago, in Form eines Päckchens. Der Absender lautete Christopher M. Brendel, seines Zeichens Entwickler feinster Independent-Adventures und der Inhalt ist das von mir schon sehnsüchtig erwartete, neuste Werk namens Shady Brook.


Handlung

Ein Mann spricht in sein Diktiergerät. Er warnt Fremde und rät, seine Stadt - Shady Brooks - so schnell wie möglich zu verlassen. Anschließend sieht man die Umrisse von fremden Gestalten und das letzte, was der Mann von sich gibt, ist, dass sie ihn gefunden hätten.

Nächste Einstellung: Ein Wagen rauscht die Highways entlang, entspannte Countrymusik. In dem Wagen der Schriftsteller Jake Tobin sowie sein blinder Vater Wayne. Das Ziel: Shady Brooks. Dort haben die beiden ein Haus angemietet. Das Spiel beginnt ...

... es beginnt und es gibt so viel zu entdecken, denn das Spiel ist sehr
umfangreich und das Areal, also Shady Brook wirkt anfangs so groß, dass ich den ersten Spielabend erst einmal damit verbracht habe, durch das Dorf zu laufen, um mich mit den Figuren und den verschiedenen Anlaufstellen vertraut zu machen, ohne dass groß etwas passiert. Dabei wurden die Perspektiven nicht immer ganz glücklich gewählt, so dass ich (allerdings nur anfangs) etwas Zeit brauchte, mich zurechtzufinden. Nicht unpraktisch ist es, eine Karte zu zeichnen. Wir bekommen zwar eine, aber die ist etwas verschwommen und unübersichtlich. Zudem kann man in einer selbstgezeichneten Karte nach und nach weitere nicht verzeichnete Schauplätze sowie den Orten zugehörige Personen und Informationen eintragen.

Ein weiteres Highlight sind die wechselnden Tageszeiten. Diese verändern
sich nämlich, sobald wir alle nötigen Dinge innerhalb eines Zeitabschnitts
erledigt haben und verpassen dem Spiel so nicht nur sehr viel Abwechslung, sondern auch Dynamik. Und schließlich - ist so ein einsames Dorf nachts nicht viel unheimlicher? Zumindest erwartet uns bereits in der ersten Nacht eine unangemeldete Überraschung und lässt das erste Kapitel schon mal spannend enden. Aber das ist erst der Anfang, denn im weiteren Spielverlauf sollen dramatische Ereignisse geschehen, die unter die Haut gehen und mich wirklich berührt haben! Es wäre unfair hier irgendwas zu verraten - nur soviel: Dank der tiefgehenden Geschichte ist Shady Brook mehr als ein Gruselspiel!


Grafik

Unverkennbar ist der Stil von Christopher M. Brendel - besonders gut auszumachen an den charakteristischen Gesichtszügen der Personen und so hatte ich schon anhand der ersten Screenshots im Internet erkannt, dass das Spiel nur von ihm sein konnte.

Denn Jake Tobin - der Protagonist von Shady Brook - erinnert auch ein wenig an den Hauptdarsteller des letzen Spiels, nur dass wir jetzt anstatt des braven Pristersohnemanns einen tougheren Typen mit längeren Haaren im Stil eines Kurt Cobain verkörpern. Besonders schön zu beobachten war, wie in einigen Einstellungen in Nahaufnahme durch die aussagekräftige und feinfühlige Mimik der Charaktere jede Emotion abzulesen war und so eine Atmosphäre höchster Spannung aufgebaut wurde.

Das Spiel wurde wieder mit dem Adventure-Maker erstellt und wie bei seinem Vorgänger fällt auf, dass die Figuren - angefangen von den Körperbewegungen bis hin zur Lippensynchronität - nahezu wie in kommerziellen Spielen perfekt animiert wurden, während man bei einigen Hintergründen wie Berglandschaften mit ihren gröberen Texturen noch erkennt, dass es sich um ein Independentadventure handelt, auch wenn sie beim neuen Werk wesentlich besser ausgefallen sind. Einige Zimmer des Hauses von Tobin wirken beispielsweise völlig durchgestylt, so dass man es sich teilweise sofort bequem machen möchte. Auch die Filmsequenzen sind wirklich prächtig, wirken deutlich ausgereifter und verschwommene Übergänge wie bei Lifestream gibt es nicht mehr.

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des Charmes des noch nicht 100% Perfekten zieht mich die Grafik wieder von Anfang an in den Bann und - ich kann mir nicht helfen, aber wie beim Vorgänger kommt von der ersten Einstellung im Dorf an direkt so ein Flair, eine Atmosphäre wie bei Gabriel Knight 3 auf, ohne dass ich auch nur eine Minute an ein Plagiat denken würde.


Handling

Sehr vorbildlich: Nach der problemlosen Installation wird man vor
Spielbeginn noch kurz gefragt, ob man denn das Spiel mit einigen wenigen
Action-Sequenzen oder den reinen Adventure-Modus haben möchte. Das ist absolut Spitze und nachahmenswert, denn so kann jeder Spieler für sich individuell die richtige Wahl treffen.

Ebenfalls wird man gefragt, ob man denn die Version mit oder ohne die (verhältnismäßig harmlosen) Sex- und Gewaltdarstellungen haben möchte. Auch diese Optionsmöglichkeit finde ich sehr gelungen. WICHTIG: Es ist auf jeden Fall ratsam, die härtere Version zu wählen, da einem sonst vermutlich für die Handlung wichtige Schlüsselszenen entgehen!

Nicht so schön für alle Spieler, welche des Englischen nur mäßig mächtig
sind, finde ich, dass es wieder (fast) keine Untertitel gibt. Schade,
schließlich gibt es international nur diese englische Version und Untertitel
hätten sicher zum besseren Verständnis beigetragen, zumal es dieses Mal reichlich personenbezogene Handlung gibt.

Was die Vermarktung anbelangt, ist Brendel übrigens recht geschäftstüchtig. Gegen ein paar Dollar extra kann man nämlich noch einen Companion, also ein Begleitheft erhalten. In dem A4-großen Heft werden z.B. zum besseren Verständnis in kleinen Steckbriefen die zahlreichen Charaktere vorgestellt. Weiter enthalten ist ein Walkthrough. Weitere Screenshots werden stolz präsentiert, sowie ein sehr interessantes Interview mit John Bell, einem außergewöhnlichen Synchronsprecher, der schon viele Adventures eingesprochen hat. Bis auf das Deckblatt ist das Heft (wegen der Kosten) aber nur in schwarz-weiß. Die Aufmachung des Heftes im Allgemeinen lässt keinen Zweifel, dass man sich auch hier viel Mühe mit der Gestaltung gegeben hat. Auf jeden Fall empfand ich das Handbuch in vielerlei Hinsicht als sehr hilfreich und kann es nicht nur denjenigen empfehlen, die sich wie ich ihres Englischs nicht hundertprozentig sicher sind.

In einer Sache eifert Brendel übrigens scheinbar den großen Spieleherstellern nach. Denn schon wenige Tage nach dem Erscheinen des Spiels ist ein Patch (nur für den Adventure-Modus) erschienen, welchen man sich bei Bedarf herunterladen kann bzw. sollte.

Und mit noch einer Kinderkrankheit hat auch dieses Spiel wieder zu kämpfen: Denn man sollte wieder die Helligkeit seines Monitors auf die hellste Stufe einstellen. Und trotzdem ergaben sich wieder Probleme, alle Gegenstände zu erkennen.

Die Bedienung an sich ist optimal, da kinderleichte Point + Klick-Steuerung, wie man sie bei fast jedem Adventure dieser Art in ähnlicher Form vorfindet. Sie funktioniert innovativ und benötigt eigentlich keiner weiteren Erklärung.


Sound

Auch die musikalische Begleitung ist mir sofort ins Auge bzw. eher ins Ohr gesprungen. Sie ist nämlich wirklich bemerkenswert. Entspannte Countymusik unterstreicht z.B. direkt in den ersten Spielminuten das Roadmovie-Feeling, wenn die Tobins mit ihrem Schlitten ins Dorf einfahren, während ruhige Klaviersounds eine leicht düstere, melancholische Stimmung verbreitet und ankündigt, dass sich unheilvolle Ereignisse abspielen werden. Und in einer Bar hören wir wiederum - wie sollte es anderes sein - entspannteste Barmusik.

Die Sprachausgabe ist wieder absolut professionell und die Stimmen wieder markant gewählt worden, wie z.B. die leicht bedröhnt wirkende
Reibeisenstimme des Protagonisten. Die Dialoge habe ich übrigens anfangs teilweise als ganz schön merkwürdig empfunden. Zumindest hätte ich auf die persönlichen Fragen unseres Helden direkt beim ersten Kennenlernen etwas distanzierter reagiert. Nun gut, es hilft zumindest, dass wir direkt einiges vom Dorfleben erfahren.


Rätsel

Wie bei alten Sierra-Spielen gibt es ein Punktesystem. Ein schöner Anreiz
und zudem motiviert es, wenn man durch Punktezuwachs die Erfolge beim
Rätseln auch sehen kann. Es gibt es wieder extrem mannigfaltige Arten von Aufgaben wie z.B. das Öffnen von Zahlenschlössern oder das richtige Umfüllen von Flüssigkeiten, bis man ein gewünschtes Maß hat. Weiter muss man natürlich viele Gegenstände suchen und benutzen, wobei Gegenstände im Inventar wie Zeitungsartikel sich noch einmal näher per "Examine"-Funktion in Großaufnahme betrachten lassen.
Unterschiedliche Arten von Lösungsansätzen verlangt eine Box, die es in
sich hat und geknackt werden muss. Hier müssen z.B. Nadeln richtig auf die Box angewandt und gefundene Notizen gedeutet werden. Überhaupt ist es natürlich sinnvoll, sich Notizen zu machen, wenn man z.B. auf. einen Zettel mit ein paar unscheinbar aussehenden Zahlen stößt.

Und nicht zuletzt muss man einige Aufgaben wie einer Runde Billard bewältigen. Solche Spiele haben mir viel Spass bereitet, zumal es auch dann weitergeht, falls man die Sequenz nicht schafft! Und so gibt es noch einige wenige teilweise zeitabhängige Situationen zu meistern, wenn man wie ich nicht den reinen Adventuremodus, sondern den Modus mit besagten Action-Einlagen gewählt hat. Allerdings sind die Aufgaben fast alle im sehr gemäßigten Schwierigkeitsgrad und so fand ich so gut wie alle Rätsel und Aufgaben gut nachvollziehbar. Lediglich die Aufgabe mit den Rohrleitungen war wegen der viel zu knappen Zeit zu schwer.


Fazit

Ich gebe zu, vor Spielbeginn gewisse Erwartungen gehabt zu haben und die wurden glücklicherweise wirklich bei weitem übertroffen. Denn mit Shady Brook ist das Team um Brendel ein weiterer Schritt vom professionellen Independent-Adventure hin zum Profi-Spiel gelungen. Und so trüben wirklich nur noch wenige Kinderkrankheiten wie der Patch (den man allerdings nur im reinen Adventuremodus benötigt) sowie vereinzelt schlecht erkennbare Gegenstände den Gesamteindruck. Außerdem wäre es wirklich nett, für englischschwache Krauts wie mich Untertitel einzublenden.


Wie auch immer - Shady Brook gelingt es, dank einer teilweise wirklich
ungewöhnlichen und bewegenden Geschichte eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen, die für die eine oder andere Gänsehaut gesorgt hat. Und besonders grafisch ist das Spiel wesentlich ausgecheckter als sein Vorgänger. Zahlreiche spannende Zwischensequenzen mit teilweise beeindruckenden Nahaufnahmen und abwechslungsreiche Rätsel treiben die Handlung voran und vervollständigen den Gesamteindruck. Wenn ich jetzt die hohe Wertung von 84 % gebe, dann auch, weil ich anerkenne, dass es sich immer noch um ein quasi in Eigenregie erstelltes Independentadventure handelt, auch wenn dieses wegen der Professionalität und der wundervollen Gestaltung kaum noch ins Gewicht fällt. Und vom Spielspass und der Spannung her kann Shady Brook eh ganz locker mit den kommerziellen Entwicklern mithalten.

Gesamtwertung: 84%

 

Bewertungssystem Adventure-Archiv:

  • 80% bis 100% sehr gutes Spiel (sehr empfehlenswert)
  • 70% bis 79% gut (empfehlenswert)
  • 60% bis 69% befriedigend (bedingt empfehlenswert, mit Abstrichen)
  • 50% bis 59% ausreichend (nicht gerade empfehlenswert)
  • 40% bis 49% ziemlich schlecht (eher abzuraten - etwas für Hardcore-Adventure-Freaks und Sammler)
  • 0% bis 39% grottenschlecht (lieber die Finger davon lassen)

 

Systemanforderungen:

  • IBM PC Pentium III 1 GHz
  • Windows 98/2000/ME/XP
  • 516 MB RAM
  • 350 MB Festplattenplatz
  • 640x480 Auflösung
  • 24-Bit Farbgrafikkarte
  • DVD-ROM-Laufwerk
  • Windows-kompatible Soundkarte und Maus
  • Macromedia Flash Player

Gespielt unter:

  • Win XP
  • AMD Athlon XP 1800
  • 512 MB RAM
  • Grafikkarte Radeon 9200 Series
  • DVD-Laufwerk
  • Festplatte 60 GB

 



 


 


 


 


 


 


 


 

 


 

 

 

 

 

 



 

 

Copyright © André für Adventure-Archiv, 27. August 2005

 

 

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