RTL Enterprises haben sich ja um das Adventuregenre bisher nicht
unbedingt verdient gemacht war der Publisher doch bisher eher für tranige
Machwerke wie "Hinter Gittern" bis bestenfalls durchschnittliche Spiele wie
"Balko" bekannt bzw. berüchtigt. Mit "Simon the Sorcerer" haben sie
sich jetzt eine erstklassige Lizenz geangelt, deren Umsetzung sicherlich von nicht wenigen
Fans erwartet werden dürfte. Denn die ersten beiden Teile der Serie, welche Anfang der
Neunziger erschienen sind, erlangten einen hohen Bekanntheitsgrad und avancierten zu (man
verzeihe mir den fiesen, überstrapazierten Begriff) Kultspielen innerhalb des
Adventuregenres.
Allerdings dürfte Simon 4 genauso von manchem Spieler erst einmal
mit einer ordentlichen Portion Skepsis misstrauisch beäugt werden, da der letzte, dritte
Teil in 3D bei den Fans besonders wegen der nicht unbedingt prächtigen Klötzchengrafik
auf- bzw. durchfiel. Dass Mike und Simon Woodroffe damals das in Ansätzen gar nicht so
schlechte Spiel eigentlich in 2D umsetzten wollten, dieses Vorhaben bei den weniger
cleveren Publishern aber auf Ablehnung stieß, sei dabei nur am Rande bemerkt. Besser
wäre es sicher gewesen, aber die Publisher hatten damals außer Salat offensichtlich nur
3D im Kopf.
Erschwerend kommt außerdem noch hinzu, dass die Woodroffes für
diesen Teil das Ruder aus welchen Gründen auch immer fast komplett aus der Hand gegeben
haben. Das heißt, die beiden sind an der aktuellen Produktion nur noch als zusätzliche
Designer beteiligt. Soweit die graue Theorie, die Praxis sieht zum Glück wesentlich
bunter aus. Kommen wir also endlich zum Spiel selbst ...
Grafik
Kommen wir zuerst zu ein paar grafischen Schönheitsfehlern
allerdings sind es eher Kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind: Die Figuren machen
manchmal kleine Nickerchen - sprich, sie wackeln und nicken bei Dialogen in Großaufnahme
ziemlich unnatürlich mit dem Kopf. Die Lippensynchronisation ist ebenfalls noch nicht
hundertprozentig. Auch sind vereinzelt Bilder nur wenig animiert.
Aber das macht den Braten nicht fett - der Gesamteindruck zählt
schließlich und der ist wahrlich rundum überzeugend. Denn die meisten anderen Bilder
sind ansprechend mit kleinen Animationen belebt. Überall kriecht und fliegt Getier, aus
einer Fontäne sprudelt Wasser usw.. Egal, ob Wälder, Burgen und andere mittelalterliche
Gebäude, alles wurde phantasievoll und märchenhaft umgesetzt.
Der dreidimensionale Simon und seine Kumpels bewegen sich im vierten
Teil wie bei so vielen Spielen in der letzten Zeit in einer zweidimensionalen Umgebung,
die beim Laufen oft mitscrollt. Die Zeiten des dritten Teils, in denen etwa Simons Hand
noch aus einem einzigen groben Klotz bestand, sind natürlich vorbei. Statt dessen ist er
von den Bewegungen, der Stofflichkeit von Haut und Kleidung sehr schön dargestellt.
Allerdings wirken viele der Charakter wie der Beamte, ein profaner Pizzabäcker oder
Zirkusdirektor oder der Reiche im Vergleich zu den von den Woodroffes entwickelten
Charakteren wie etwa dem abgedrehten Sumpfling oder den beiden Dämonen doch recht
einfallslos. Alles in allem ist Silver Style aber eine recht zeitgemäßes und vor allem
absolut überzeugendes und stimmiges Setting gelungen.
Interessant ist, wie Silver Style der Grafik ihren eigenen Stil
verpasst haben. Es ist wohl eindeutig Absicht, dass man unzweifelhaft erkennen soll, dass
das Spiel in Deutschland entwickelt wurde. Angefangen von der Art der Darstellung der
mittelalterlichen Stadt und des Waldes inklusive des Hochsitzes und Tierarten wie
Karnickel, Wildschwein und Maulwurf bis hin zu einigen Thematiken wie Hänsel und Gretel.
Auch die Charaktere wirken ebenfalls recht deutsch: Die vollbusige Alix in ihrem
deftig-knappen dirndl-ähnlichen Outfit könnte glatt aus einem Bierzelt entflohen sein.
Der Beamte wirkt wie ein bayrischer Dorflehrer (bzw. so wie man sich einen solchen
vorstellt) und der Wolf könnte einer Illustration aus einem alten Märchenbuch
entsprungen sein. Na, warum auch nicht mir gefällt der Grafikstil wie gesagt auf
jeden Fall sehr. Später, wenn wir ins Totenreich gelangt sind, geht auch grafisch ein
Wechsel einher denn dort hat man sich am Thema griechischer Mythologie orientiert.
Übrigens war Simon eigentlich schon etwas früher fertig. Nur sind
wir Adventurer nun mal ein ganz eigenes, spezielles Völkchen und einige Spielereihen
haben eine treue Fanbase, die jeden Schritt der Entwickler kritisch beäugt. So auch die
Simon-Serie. Und die Fans befanden, dass der Kopf uncool aussähe, weil er nicht deren
Vorstellung von der Optik des Simon entspräche. Also hat man kurz vor Fertigstellung den
alten neuen Kopf abgeschraubt und durch einen neuen, leicht modifizierten ersetzt.
Story
Man braucht die Teile davor nicht gespielt zu haben, um alles zu
verstehen. Schaden kann es natürlich auch nicht, um den einen oder anderen Witz zu
verstehen bzw. einen vertrauten Ort oder die eine oder andere Figur im neuen Gewand zu
erkennen. Von letzteren gibt es 42, davon 7 bekannte - ergo immerhin 35 neue! Ich denke,
hier wurde ein gutes Mischungsverhältnis gefunden, Althergebrachtes in Maßen einfließen
zu lassen, ohne dass das Spiel auch nur im Geringsten wie ein Aufguss vergangener Tage
rüberkommt. Kommen wir jetzt aber zur eigentlichen Handlung:
Bekannt ist natürlich direkt am Anfang der Geschichte der erste
Raum - das Jugendzimmer von Simon mit dem wundersamen Schrank, von dem aus er schon so
viele Dimensionsreisen gestartet hat. Der fleißig vor sich hin pubertierende Simon sowie
sein Bruder sitzen in besagtem legendären Raum auf dem Sofa und machen das, was alle
Pubertierenden machen: Nein, nein... das vielleicht auch, aber ich meinte in dem Fall
streiten!
Im Eifer des Gefechts bekommt Simon von seinem Bruder eine
Fernbedienung an dem Kopf geworfen. Von dem Geschoss getroffen stirbt Simon. Halt, stopp,
keine Angst, das denkt Simon nur, als er sich in einer Vision in einem Dimensionstunnel
wiederfindet. Dort trifft er jedenfalls die hübsche Alix, Enkelin des Magiers Calypso aus
der anderen Dimension wieder und erfährt von ihr, dass die Welt dort bedroht ist. Wieder
zurück in der Realität ist klar, worauf es hinaus läuft: Es wird mal wieder Zeit per
Kleiderschrank ab in die andere Dimension zu reisen, um diese Parallelwelt zu retten. Dort
wird er direkt mit einer Überraschung konfrontiert, denn er muss feststellen, dass sich
ein Doppelgänger in dieser Welt rumtreibt und seinen Platz einnimmt. Die Angebetete Alix
hat dieser dem echten Simon zwar schon ausgespannt, allerdings durch sein braves, aber
langweiliges Benehmen auch gleich wieder verloren. Aber wer ist der andere Simon
eigentlich wirklich und was hat er noch vor?
Sound / Dialoge
Was den Humor anbelangt, so machen Silver Style ihre Sache wahrlich
nicht schlecht, der recht typische" Humor deutscher Prägung kann dem
unnachahmlichen englischen Wortwitz der Woodroffes allerdings nicht hundertprozentig das
Wasser reichen. Und so krümmt man sich nicht unbedingt bei jedem Spruch vor Lachen auf
dem Boden. Denn manchmal wirken die Sprüche und Dialoge etwas langatmig und bemüht
lustig. In den besseren Momenten (und von denen gibt es viele) ist der Humor aber zynisch,
derbe, schwarz und auch hintergründig..
Ab und zu wird der etwas zwiespältige Eindruck durch die deutsche
Sprachausgabe unterstützt, Oft ist sie gelungen. Simon hat man wie gehabt mit Erik
Borner, seiner deutschen Originalstimme besetzt, welche einen nicht unwesentlichen Teil
seiner Persönlichkeit ausmachen dürfte und über die ich ansonsten glaube ich nicht viel
Worte verlieren brauche. Auch die meisten andere Sprecher/innen wie die Synchronstimme von
Alix, das Rotkäppchen und Goldlöckchen machen ihre Sache wirklich gut, während bei
anderen wie Calypso oder dem Instrumentenbauer die Sprachausgabe eher bemüht bis
aufgesetzt lustig wirkt und diese im Falle des Instrumentenbauers damit bestens zu seinen
vorgetragenen Texten passt.
Die etwas belanglose, wenig abwechslungsreiche Musik vom Computer
könnte mich - würde ich sie losgelöst vom Spiel hören - nicht unbedingt vom Hocker
hauen. Sie ist wenig abwechslungsreich, aber sie erfüllt ihren Zweck, wenn man sie ganz
leise im Hintergrund laufen lässt.
Rätsel
Ein weiteres Highlight sind die in bester Comic-Adventure- bzw.
Simon-Tradition gehaltenen Rätsel. Wir müssen also in erster Linie Dialoge führen,
Gegenstände horten und anwenden. Diese müssen teilweise auch innerhalb des Inventars
miteinander kombiniert werden. Das Cover spricht von hunderten von originellen und
durchgängig logischen Rätseln". Ich habe sie nicht durchgezählt, aber quantitativ
wirds wohl auf jeden Fall stimmen. Überhaupt ergibt sich nicht nur alleine durch
die zahlreichen Aufgaben, sondern auch wegen der vielen kleinen Handlungsstränge und
Dialoge eine vorbildlich lange Spielzeit, wie sie heute kaum noch ein Adventure hat.
Was die versprochene Logik anbelangt, so möchte ich der Aussage
zumindest bedingt zustimmen. Anfangs wirken die Rätsel noch recht leicht, doch das
zunächst überschaubare Areal von zu erkundenden Orten wird rasch größer und damit
steigt auch der Schwierigkeitsgrad. Denn Simon 4 ist nicht linear und es ergeben sich
meist sehr viele Aufgaben, die man gleichzeitig bearbeiten kann. Wie in abgedrehten
Comic-Adventures nicht selten üblich muss man teilweise die abstrusesten Gegenstände
miteinander kombinieren und von denen hat man hinterher eine ganze Menge in seinem
Inventar. Abgesehen davon wird man durch die Dialoge nicht unbedingt immer auf die
richtige Fährte gelockt.
Jeder Ort beinhaltet eine angemessene Zahl von Hotspots bzw. zu
betrachtende Gegenstände, so dass das Erforschen des Simon-Universums nicht langweilig
wird. Abwechslung bekommt das Spiel später noch, wenn man zwischen zwei Charakteren
wechseln kann. Wenn man mal nicht weiter weiß, hilft ja vielleicht das Journal weiter.
Hier finden wir nicht nur Einträge zum Geschehen sondern auch ein Hintsystem. Wir können
uns zu einigen Aufgaben Schritt für Schritt bis zu drei Hinweise geben lassen. Allerdings
konnte mir das Hintsystem in entscheidenden Momenten meistens nicht unbedingt
weiterhelfen, da mir die dort preisgegebenen Lösungsansätze schon bekannt waren und ich
wirklich neue Hinweise hätte gebrauchen können. Es bleibt noch zu erwähnen, dass man
nicht sterben kann, es keine Aufgaben unter Zeitdruck oder Labyrinthe gibt.
Handhabung
Im dritten Teil kam man ja kaum zum Rätsellösen, so sehr war man
damit beschäftigt, die weiten Strecken per Tastatur durch die dreidimensionale
Landschaften zurückzulegen. Auch hier hat sich die Steuerung gegenüber dem Vorgänger
stark verbessert. Nicht nur, dass die kurzen Strecken problemlos zu erreichen sind, da
Simon per Doppelclick wie gehabt losrennt. Zusätzlich bekommt man mehr oder weniger am
Anfang des Spiels eine Karte, mit der man alle Orte einfach nur anwählen braucht und
damit ratzfatz sein Ziel erreicht. Der Rest ist schnell erklärt: Per Point & Click
bewegt man sich fort. Die rechte Taste dient normalerweise dazu, sich Dinge anzuschauen,
während man mit der linken diese benutzen bzw. für sein Inventar aufheben sowie Dialoge
führen kann. Ist es nicht möglich, Dinge zu benutzen, erfüllt die linke Taste denselben
Zweck wie ihr rechtes Pendant.
Mit der Escape-Taste gelangt man ins Menü, mit F4 bzw. F5 kommt man
direkt zur Lade- bzw. Speicherfunktion. Nicht vernachlässigen sollte man die H-Taste!
Drückt man diese, sieht man sofort alle Hotspots! P steht für Pause und mit der E-Taste
sieht man alle Ausgänge. Zum Journal bzw. Hintsystem gelangt man auch über das Menü
oder einfacher noch mit der F1-Taste.
Trotz meines inzwischen etwas in Jahre gekommenen Rechners und der
verhältnismäßig hohen Mindestanforderungen lief das Spiel dabei ohne Probleme. Es
ergaben sich dadurch nur recht lange Ladezeiten zwischen den einzelnen Bildern, die aber
noch im tolerablen Bereich lagen. Allerdings ist mir schon zu Ohren gekommen, dass das
Spiel nicht auf allen Rechnern so reibungslos lief und es wohl schon zu einigen Problemen
wie Abstürzen gekommen ist.
Fazit
Na gut, ganz ohne kleine Schwächen kommt Simon 4 nicht aus. So
musste ich mich erst einmal an den Humor gewöhnen, welcher nicht ganz mit der
durchgeknallten englischen Komik der von den Woodroffes geprägten ersten Teile mithalten
kann. Und diesbezüglich geht es manchmal etwas langatmiger und weniger filigran zur
Sache. Aber am besten ist es, man vergleicht den Humor des deutschen Entwicklers nicht
unbedingt mit dem der Woodroffes. Denn betrachtet man Simon 4 davon losgelöst, merkt man,
dass auch Silver Style sich auf andere Weise in nettem Wortwitz und ihre Weise gelungenem,
sarkastischem bis ordentlich schwarzem Humor verstehen. Die neuen Entwickler haben
wirklich viele nette Ideen mitgebracht und so kann man auch mit Simon 4 eine Menge Spaß
haben.
Grafisch überwiegt ebenfalls eindeutig der positive Eindruck. Kurz
gesagt kommt Simon 4 meiner Vorstellung von einem schön gestalteten Comic-Adventure
wirklich sehr nahe, wobei ich es nicht unter dem Gesichtspunkt betrachte, ob es grafisch
auch ja auf dem allerneusten Stand ist. Das ist für mich bei einem Comic-Adventure nicht
entscheidend. Leichte Schwächen wie ungelenke Bewegungen der Figuren bei Großaufnahme
oder nicht ganz perfekte Lippensynchronität sind dabei eher zu vernachlässigen. Denn
Simon 4 präsentiert sich in einem recht zeitgemäßen, aber vor allem in sich stimmigen
Gewand, ohne dass man den Charme der alten Teile aus den Augen verloren hat. Die
zahlreichen Hintergründe sind mal mehr und mal weniger mit Animationen versehen, glänzen
aber allesamt durch ihr schönes märchenhaftes und phantasievolles Aussehen. Viele
Figuren - besonders Simon, aber auch das Rotkäppchen oder der Wolf sind gekonnt
umgesetzt. So hätte ich mir ein wenig den dritten Teil gewünscht.
Die Musik setzt nicht gerade Akzente, dient aber in ihrer Funktion
als Hintergrundbeschallung ihrem Zweck. Was die Rätsel angelangt, so haben Silver Style
ganze Arbeit geleistet. Die objektbezogenen Aufgaben sind abwechslungsreich und schön
abgedreht, also in bester Simon-Tradition gehalten. Erfreulich ist auch die extrem lange
Spielzeit. Ein angenehmer Gegentrend zu den heutigen oft ziemlich kurzen, manchmal nur
noch in Episoden gestückelten Spielchen. Und so ist Silver Style Entertainment mit
Chaos ist das halbe Leben" ein klasse Spiel gelungen, welches qualitativ wieder
eindeutig an die ersten beiden Teile anknüpft.