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Das persönliche Tagebuch von Elisabeth Bacon Custer

Die Braut von General  George Armstrong Custer

1865

 

 

16. März 1865

Mein Liebling Sonnensschein …

Wir hatten eine Verpflichtung mit dem Feind bei Ashland und diese hatte mich vor dem Tod, Verstümmelung oder Daseins als Krüppel für den Rest meines Lebens bewahrt und war wundersam und verstärkte meine Abhängigkeit von der Barmherzigkeit. Wer hat mich so oft beschützt. Möge ich leben um Ihn zu ehren und Seine Gebote zu beachten!

Ich ritt mit meinem Stab und der Eskorte zu einem abgelegenen Teil auf dem Feld, als die Schlacht begann. Ich ritt mein neues Pferd Jack Rucker, der sich herrlich benahm …

Als sein Fuß in ein Loch rutschte und er fiel, schlug er einen kompletten Purzelbaum, rollte rüber und lag mit seinem ganzen Gewicht auf dem Rücken. Hätte er sich gesträubt, wäre ich zu Tode gequetscht worden. Aber dieses vortreffliche Tier schien die Situation zu begreifen, denn es lag total still da ohne eine Bewegung. Die Männer von meinem Stab sprangen von den Pferden und sattelten meines ab, in der Erwartung mich zerquetscht oder verkrüppelt vorzufinden. Sobald ich befreit war, verlangte ich ein anderes Pferd – meines war dumm – und schon wieder mitten im Kampfgeschehen. Bin heute noch etwas steif, werde mich aber bald erholen.

Kaplan Holmes - er war einer meiner Retter – rief „Gott sei Dank!", worauf mein dankbares Herz mit Amen reagierte. An dem Abend nach Waynesboro lud ich Kaplan Holmes in mein Zelt ein, um zu beten und ein Kapitel mit ihm zu lesen. Er und ich alleine dankten Gott für den Sieg. Er hatte unsere Armee gesegnet.

Herr Stahl bringt Dir einen Satz Schachfiguren in General Earnys Wagen – wahrscheinlich gehören sie ihm. Ich lerne gerade zu Spielen. Es ist ein schönes Spiel, ähnlich einer Schlacht. Wenn Du es lernen möchtest, wird es uns viel Freude bereiten.

Ich sehne mich auf die Rückkehr des Friedens. Ich schaue mit Hoffnung vorwärts in unsere Zukunft. Unser Schicksal liegt vielleicht weit hinter dem heutigen Tag. Wir haben vielleicht jetzt kein Vermögen und besitzen nicht viel aber wir haben genug und genug um zu teilen. Vor allem haben wir uns. Ich denke an Dich in der Aufregung der Schlacht und nachts träume ich von meinem Liebling.

Du sprachst so oft, im Flugzeug und wenn wir ausritten davon, dass Du den Wunsch hast unsere gemeinsam erlebten Abenteuer aufzuschreiben. Es ist mein Wunsch dass dieses Tagebuch, genau wie das, das dein Vater Dir gab als Du neun warst, zusammen mit meiner Liebe Dich durch die Gefahren des Wilden Westens und unsere gemeinsamen Abenteuer leitet.

Mit meiner unsterblichen und immer andauernden Liebe

Autie

 

 

29. Okt. 1865 Liebes Tagebuch

Mein 1. Eintrag. Für die letzten beiden Tage schlugen wir unsere Zelte außerhalb von Austin, Texas auf. Wir sahen auf eine hübsche Stadt mit verzierten Häusern eingeschmiegt zwischen den berühmten immerwährend grünen Texaseichen. Wir haben keine der vielen netten Einladungen angenommen seit es zu kalt ist, um nachts ins Camp zurückzukehren.

Heute morgen hörten wir, dass der Gouverneur von Texas uns das Blindenasylheim (das bei Ausbruch des Krieges geschlossen wurde) dem General als Hauptquartier für die Dauer unseres Aufenthaltes anbot. Ich bin mir nicht sicher, wo die blinden Kinder nun leben, der Krieg kann so grausam sein.

Innerhalb einer Stunde seit Bekanntgabe, brachen wir unsere Zelte ab und kehrten zu einem menschenwürdigen Leben zurück. Es gibt genug Platz in unserem neuen Hauptquartier für den ganzen Stab von Autie und deren Frauen. Zwei von ihnen sind schon bei uns. Unten befindet sich ein großer Salon, Wohnzimmer und Esszimmer. Unser Zimmer hat 3 Fenster, die wir nachts aufmachen können, damit die Luft zirkuliert und um morgens die Reveille zu hören.

Es ist schwer zu glauben, dass Auties Auftrag nach Texas zu gehen fast ein ganzes Jahr dauerte bis er endlich in die Tat umgesetzt wurde. Nun, innerhalb einer Woche nachdem wir den neuen Auftrag erhielten, genießen wir schon unsere erste Mahlzeit in dem Haus, das für viele Monate unser neues Zuhause sein wird.

 

30. Okt. 1865

Einige von Auties Soldaten hatten Kontakt mit Gelbfieber. Sie dürfen nicht in die Nähe des Hauptquartiers. Ein Obdach muss bald gefunden werden, um die Soldaten zu heilen. Ich sah eine Notiz die in den Seitenrand eines alten Lederbuches geschrieben wurde, das auf einem Regal in der Bücherei stand. Dort gäbe es in der Nähe ein Heim, das früher ein Mr. Hill bewohnte und jetzt leer steht. Autie sagte, es gehöre mir für diese Saison. Ein kurzer Besuch im besagten Haus überzeugte Autie davon, dass es ein ausgezeichnetes Notbehelfskrankenhaus wäre.

Major Lee inspizierte das Erdgeschoss, indem er hoch zu Pferde durchritt! Das Haus wurde entworfen und gebaut von dem Einheimischen „Abner Cook" und kann nur als herrschaftliches Wohnhaus (Villa) beschrieben werden. Es bietet viel Komfort für die kranken Männer.

 

1. Nov. 1865

Es war nicht kalt seit wir ins Hauptquartier eingezogen sind, aber heute war es sehr kalt. Es kam uns wie ein Angriff vor, auf den wir nicht vorbereitet waren. Tom eilte zum Holz und wie hätte es anders sein können, keines war gespalten. Er holte Tex aus der Küche, lieh sich eine Axt und kam bald mit einer Armladung voll zurück. Als er die Holzstücke aus Tex’ Armen nahm und damit ein Feuer anzündete, fiel ein Skorpion heraus. Dieser war erstarrt vor Kälte aber es war immerhin ein Skorpion und ich bezog, wie immer, meine Stellung in der Mitte des Bettes. Die losen Fensterläden klapperten und der Wind heulte um die Ecken des Zimmers. Ich nahm einen Sack und stülpte ihn über mein Sommerkleid und wir schürten Toms Feuer. Vater Custer (Auties und Toms Vater) nahm seine Pfeife heraus und setze sich neben das Feuer, damit der Tabakrauch den Kamin hochzog. Autie schaute schadenfroh zu mir, während er das Feuer mit wertlosem Papier fütterte. Als nächstes sahen wir ein heftiges Feuerwerk (speziell Vater Custer). Autie warf mit dem Papier eine handvoll schwarze Patronen ins Feuer. Die unschuldig aussehenden Tom und Autie schauten ihren Vater an und fragen ihn, warum er durchs halbe Zimmer gesprungen war.

2. Nov. 1865

Heute untersuchten wir den Colorado. Der Wasserstand war niedrig aber das Flussbett war weitgehend bedeckt mit Sandbänken. Autie hob mich auf Curtis Lee (ein schönes Pferd, das Autie mir schenkte) und wir ritten 4 Stunden. Selbstverständlich war er das berühmte Generalspferd „Jack Rucker". Die meiste Zeit folgte Curtis Lee dem General, wie er es trainiert hatte aber gelegentlich trat das Tier aus der Mitte des Wassers, als wir uns unterhielten. Einmal war genug. Curtis erschrak und sprang aus der Gefahr, ich war jetzt klüger.

 

3. Nov. 1865

Wir lernten heute, dass die blinden Kinder, welche ehemalige Studenten in unserem Hauptquartier waren, in dem Haus von Mr. Hill wohnten, das nun unser Krankenhaus ist. Es wurde vom Staate Texas verpachtet als eine vorübergehende Schule für blinde Kinder, während ein Blindenasylheim gebaut wurde. Ich durchsuchte alle Räume des Krankenhauses und fand einige Kunstgegenstände der Vorbewohner. Ich sprach mit einigen Familien und erfuhr, dass einer der ehemaligen Studenten, ein blindes Waisenkind namens Sterling, nun in einem Heim nicht weit entfernt vom Krankenhaus lebt. Mein Herz sagte mir, dass ich ihn besuchen musste.

 

4. Nov. 1865

Während des heutigen Ausrittes, was als Zeitvertreib für die Männer galt, kamen wir an einem einsamen Baum vorbei. (Bin mir sicher dass Autie einen Plan ausheckte.) Die Männer sprachen von einem Ast, wo ein ermordeter Mann hing. Ich musste mich erst an diesen schlechten Witz gewöhnen, wie immer. Curtis Lee und ich ritten schnell mit Schrecken weg von dem gehassten Platz, zur Belustigung der Männer. An einem besonderen Baum platzierten sie eine Laterne, um dem erdichteten Ereignis zu gedenken.

 

5. Nov. 1865

Heute besuchte ich das Heim und sprach eine Weile mit dem jungen Sterling. Er erzählte mir eine herzergreifende Geschichte von der Trennung seiner Eltern, während ich ihn durch die Blindenschule begleitete. Er weinte als er mir von dem Verschwinden seines Vaters erzählte, nachdem er in den Krieg gezogen war, dass zur Folge hatte, dass die Schule geschlossen wurde.

Der schmerzvollste Teil seiner Geschichte war der mysteriöse Tod seiner Mutter. Es war zu viel für mich als ich dies hörte, so gab ich dem Jungen einen Kuss auf die Stirn und verließ ihn mit Tränen in den Augen.

 

6. Nov. 1865

Heute besuchte ich Sterling wieder. Als wir so sprachen, öffnete er eine kleine Kiste, griff hinein und zeigte mir einen kleinen gravierten, silbernen Anhänger in Herzform. Sterling übergab mir diesen Schatz. Ich öffnete ihn und darin war ein einziges Bild einer bildhübschen jungen Frau. Als Sterling das leise Öffnen des Anhängers hörte, sagte er sofort, das auf dem Bild sei seine Mutter. Ein Bild, das der blinde Junge niemals sehen konnte. Ich sagte Sterling, dass seine Mutter bildhübsch sei und bevor ich noch etwas sagen konnte, beugte sich Sterling ganz dicht an mein Ohr. Sein Gesichtsausdruck, als er näher kam, erinnerte mich an die Gefühle die ich hatte, wenn mein Vater mir erlaubte eines meiner Geschenke schon am Tag vor meinem Geburtstag zu öffnen. Sterling flüsterte: „Ich weiß wie sie aussah, ich habe sie oft gesehen". Er beschrieb mir dann seine Mutter ohne Fehler wie ich feststellen konnte, als ich ihr Bild betrachtete. Ich nahm an, dass jemand anderes sie ihm schon beschrieben haben musste und er wiederholte nur, was er gehört hatte.

Sterling erzählte mir dann die Geschichte, wie er in den Besitz dieses Anhängers kam. Sein Vater war bei einem Silberschmied in der Lehre gewesen kurz bevor er in den Krieg zog. Sterlings Vater fertigte das Schmuckstück aus nur einer Silbermünze und gab es seiner Mutter als Geschenk anlässlich des Jahrestages. Sie trug den Anhänger nur ein paar Tage um ihren Hals, als beide bemerkten, dass das Metall die Haut um ihren Hals angriff. Sie nahm den Anhänger von der Kette und legte ihn in eine Wäscheschublade. Als sein Vater in den Krieg eingezogen wurde, gab Sterlings Mutter es dem Jungen zur Aufbewahrung, bis sein Vater zurückkehren würde. Er hat nie mehr was von seinem Vater gehört und besitzt deshalb den Anhänger heute noch.

 

7. Nov. 1865

Heute traf ich, nach einem kurzen Besuch bei Sterling, die Oberin des Heimes. Sie sagte der Junge hat Wahnvorstellungen und behauptet seine Mutter nach ihrem Tod gesehen und sogar mit ihr gesprochen zu haben. Das erste Mal geschah es, als der Junge einen ausgedehnten Fieberanfall erlitt. Er war schon seit einigen Wochen krank, als er eines Morgens von der Pflege seiner Mutter in der vergangenen Nacht sprach und von ihren tröstenden Worten. Jeden Monat sprach der Junge von so einem Ereignis. Keiner stellte die Ereignisse in seiner Anwesenheit in Frage, um taktvoll gegenüber dem Jungen zu sein, weil sie feststellten, dass es ihn tröstete. Sie erklärte mir, dass der Junge nichts besaß bis auf diesen Anhänger und einen alten zurechtgeflickten Spiegel seiner Mutter. Als sein Vater in den Krieg zog, nahmen die Gläubiger alles übrige Eigentum um die Schulden der Familie zu bezahlen.

In den nächsten Monate lebten Sterling und seine Mutter bei Freunden. Dann, am 9. April 1865, dem gleichen Tag an dem die Kapitulation den Krieg beendete, schrie Sterlings Mutter ohne erdenklichen Grund: „Meine Liebe, wie kann Gott nur darauf kommen" und starb. Die Ursache ihres Todes ist unbekannt.

Ich sah den zusammengeflickten Spiegel flüchtig. Der Rahmen bestand aus Zinn, verziert mit Blumen außen rum. Eine seltene (neugierige) Frauenfigur hebt sich etwas vom Rahmen ab und schaut ihrerseits in den Spiegel. Ich kann glauben, dass Sterling beim Befingern der Figur an seine Mutter denkt.

 

8. Nov. 1865

Heute räumte ich eines der Zimmer im oberen Stockwerk des Krankenhauses aus, um Platz zu schaffen für kranke Soldaten und fand eine lange Dokumentenrolle. Als ich die Rolle öffnete, fand ich einige Bögen gerolltes Papier darin. ich legte sie auf dem Tisch aus und entdeckte die Originalpläne des Hauses, gezeichnet von Abner Cook. Ich zeigte die Pläne den handvoll Männern die gerade Dienst hatten und einigen Besuchern.

Einige von uns studierten die Zeichnungen fast eine Stunde lang, entdeckten Säulen, Kamine, Treppen, Türen und Fernster. Da waren einige Kamine eingezeichnet, die Nummern und Buchstaben trugen. Es war ein Anreiz herauszufinden, welcher Kamin auf den Plänen welchem Kamin im Krankenhaus entsprach.

 

9. Nov. 1865

Wir erforschten das Bergland von Texas. Noch vor Sonnenaufgang brachen wir auf und ritten für Stunden. Curtis Lee benahm sich hündisch. Die ganze Zeit unserer Reise hatte es den Anschein, als setzte er jeden Huf genau in den Hufabdruck des General Pferdes Jack Rucker. Bei Schwierigkeiten oder in Momenten der Gefahr folgte er dem kommandierenden Offizier lieber, als mich zu tragen. Als wir eine Mittagspause einlegten, erklärte Autie den Reitern, dass mein Pferd während des Krieges von einem Stabsoffizier von General Curtis Lee beschlagnahmt wurde. Autie kaufte das edle Tier dem Staat ab und taufte es nach dem Konföderiertengeneral.

 

10. Nov. 1865

Ein Bürger kam vorbei, um Armstrong zu ehren (wir, als friedfertige Yankees. hießen ihn in diesem rauhen Land willkommen). Es war der gleiche Held von dem mein Vater dauernd sprach, wenn es sich um die Schlacht von Monroe handelte, wo das Kentuckyregiment gegen die Briten in 1812 kämpfte, der alte Oberst Groome, der an diesem Tage berühmt wurde. Er war ein alter Soldat dem die Tränen kamen, als Autie ihm sagte, dass wir aus Monroe stammen.

Er war es, der die Scheune in Brand setzte, um die Britten daran zu hindern, sie als Stellung für ihre Scharfschützen zu benutzen. Er krabbelte auf seinen Händen und Knien weg von der brennenden Scheune, dabei flogen ihm die Gewehrkugeln um die Ohren, die ihn auch einige Male verwundeten. Jahre danach traf er einen alten britischen Offizier, der ihm erzählte, dass die Kugel von seiner Einheit stammten, die den Mann getötet hatten, der die Scheune in Brand setzte. Oberst Groome sagte ruhig: „Nein! Ich bin der Mann."

Autie interessierte sich sehr für diesen Veteran und wir werden ihn besuchen, um 2 Hähnchen abzuholen.

 

20. Nov. 1865

Heute besuchte ich Sterling und hörte tragische Neuigkeiten. Sterling klettert oft auf einen Baum, sitzt dort auf einem hohen Ast und genießt die Einsamkeit. Ein unvorsichtiger Tritt könnte ihn ca. 6 Meter auf steinernen Boden fallen lassen. Sterling würde diesen Sturz nicht überleben. Immerhin kenne ich ihn seit knapp 2 Wochen und er ist wie ein Sohn für mich. Meine Liebe für ihn …

Ich kann nicht aufhören zu weinen.

 

24. Dez. 1865

Heute Abend, als wir unsere bescheidene, mit Popcorn an Fäden dekorierte Tanne bewunderten, gab mir Autie ein Geschenk. Das Geschenk, teilweise verborgen unter einer Lage von Tresse, am Boden zusammengeschnürt mit einem Band, erleuchtet von dem Glühen seines Gesichtes, war eindeutig eine Art von Schmuckstück. Ich löste das Band, faltete die Tresse auseinander und meine Augen nahmen einen herzförmigen, goldenen Anhänger wahr. Er sah dem silbernen Anhänger überraschend ähnlich, den Sterling mir zeigte. Darin befanden sich 2 Bilder: Auties und meines. Es war ganz klar, dass dieser Anhänger wertvoll für Autie war. Er sagte mir, dass er ihn schon seit 8 Monaten für mich aufbewahrt hat. Ich lachte, weil er ihn schon seit 8 Monaten besitzt und nicht noch einen Tag warten konnte bis er ihn mir gab. Lächelnd informierte ich ihn darüber, dass ich kein Problem mit Geduld habe und er bis Morgen früh warten muss, bis er ein Geschenk von seinem Liebling Sonnenschein findet.

 

25. Dez. 1865

So ein liebevolles Weihnachten. Weitaus schöner fand ich, dass einige aus unserem Stab in San Antonio waren, wo es in den Geschäften dort immer so schöne mexikanische Sachen gibt. Wir versammelten uns um den Christbaum, Autie war der Weihnachtsmann und verteilte die Geschenke. Er machte zwerchfellerschütternde Bemerkungen bei jedem der zu ihm trat, um sein Geschenk in Empfang zu nehmen. Der Baum war hell erleuchtet. Ich weiß nicht, woher die vielen dünnen Wachskerzen kamen. Selbstverständlich wären wir nicht wir, wenn nicht einige Witze fallen würden. Tom, Auties Bruder, gab ihm einen Satz Skatkarten und brachte ihm später ein einfaches Spiel bei. Als das professionelle Kartenspiel anfing, setzten sie ihn vor einen Spiegel (Tom konnte Auties Karten im Spiegel sehen). Nachdem er gedemütigt genug war, schied er aus dem Spiel aus und sagte, wenn er wieder in Monroe sein würde, würde er wieder derselbe gute alte Methodist sein, der er war bevor sie weggingen. Seine Geschenke waren ein Hut, Taschentuch, Krawatten, Pfeife und Tabak.

Mein Geschenk für den General war eine Sammlung von 6 Federkielen, 2 Metallschreibfedern und ein Regenschirm, Tinte selbstverständlich auch.

Autie überraschte mich mit einem weiteren Geschenk, eine Kopie der Noten der Musicalaufführung, der wir Anfang dieses Jahres in Washington beiwohnten. Nach dem Konzert und der anschließender Gala, schrieb er mit einen süßen Brief, in dem er versuchte, sich an die Texte des Titelliedes zu erinnern. Der Titel hieß: Beautiful Dreamer (Schöner Träumer) von Stephen C. Foster (Es war das letzte Lied, das er komponierte bevor er 1864 starb). Zu wissen, dass Autie so intensiv an mich dachte während er der Musik lauschte, weiß ich zu schätzen und werde für immer sein „Beautiful Dreamer" sein.

Ich saß manchmal vor dem Klavier und versuchte die Noten zu spielen. Immerhin hatte ich ein paar Klavierstunden als Kind, ich hasste es seinerzeit mich an die Grundbegriffe der Musik zu erinnern. Letztendlich erinnere ich mich an „FACE" und „EVERY GOOD BOY DOES FINE" und es gelang mir etwas Sinn in den Noten zu sehen. Autie schenkte mir ein süßes Lächeln, als er mich das erste Mal die ganze Melodie in einem durchspielen hörte.

 

26. Dez. 1865

Heute Morgen traf ein Paket für mich ein. Ich öffnete es und erkannte darin 2 weitere Weihnachtsgeschenke. Die kostbarsten und gleichzeitig auch schmerzvollsten Geschenke soweit ich mich erinnere. Ein silberner Anhänger und ein Spiegel in einem Zinnrahmen. Ein Zettel der Oberin teilte mir mit, dass die letzten beiden Wochen von Sterlings Leben auf Erden, soweit sie sich erinnerte, die Glücklichsten für ihn waren. Sie schrieb mir wie aufgeregt Sterling war wenn er meine Stimme hörte und von seinen ständigen Fragen, wann ich ihn wieder besuchen komme.

Sie ist sich sicher, dass Sterling wollte, dass mir nun seine 2 Besitztümer gehören. Ich legte Sterlings silbernen Anhänger auf den Tisch neben meinen. Sterlings war aus Silber und meiner aus Gold, ansonsten waren sie identisch!

27. Dez. 1865

Die Virginia Familie aus Hempstead kam endlich zum Weihnachtsbesuch, wir sprachen bereits im Frühjahr darüber. Sie brachten ein Geschenk für uns (eigentlich für Autie), einen Jagdhund namens „Ginnie". Wir waren so aufgeregt, sie mit auf die Jagd, zum Spazieren und zum Ausritt mitzunehmen. Bei jeder Gelegenheit würde Sie unser Freund sein, weil sie nicht so launisch ist, wie unsere menschlichen Freunde. Wie schon George Eliot sagte: „Tiere sind solche dankbaren Freunde, stellen keine Fragen und üben keine Kritik".

 

28. Dez. 1865

Seit die Zivilbehörden wieder in der Lage waren die Gesetze von Texas durchzuführen, besteht keine Notwendigkeit mehr für den Kavalleriekommandanten. Wir empfingen die Nachricht, Texas nach 14 Tagen, im Februar verlassen müssen.

 

18. Jan 1866

Heute Abend kämmte ich mein Haar in Sterlings Spiegel, drehte ihn um und entdeckte auf der Rückseite eine kleine Ausschmückung. Bei näherer Betrachtung sah es mehr aus wie eine Klammer. Neugierig studierte ich sie und fand heraus, sie ließ sich entfernen. Es hatte den Anschein als sei sie gemacht worden, um an dem Zinnarm der Figur auf der Vorderseite des Spiegels etwas zu befestigen. Ich klammerte sie an die Figur, sie schnappte zu und passte perfekt. Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, die Klammer war eigentlich zur Befestigung von Sterlings silbernem Anhänger gedacht.

Bei dem, was als Nächstes passierte, glaubte ich meinen gesunden Menschenverstand zu verlieren. Aber ich war überzeugt, dass es echt war. Ich befestigte den Anhänger und der Spiegel begann sich übernatürlich zu verändern. Ich sah eine Vision im Spiegel. Es war Sterling, blind als ein kleines Kind mit seiner Mutter und dann sah ich Sterling, anscheinend todkrank, umsorgt von seiner Mutter. Sterling öffnete wirklich seine Augen, sah seine Mutter an und sprach mit ihr. Die Vision im Spiegel war echt aber kaum zu glauben.

Mit dieser Magie vor Augen, glaubte ich nun Sterlings Geschichte, dass er seine Mutter sah und mit ihr nach ihrem Tode sprach. ich tat es öfters und jedes Mal wenn der Anhänger am Spiegel befestigt war, kam die Vision. Vorsichtig lud ich meine Helferin Eliza in mein Zimmer ein und zeigte ihr, wie der Anhänger am Spiegel befestigt wurde (in der Hoffnung sie würde die Vision ebenfalls sehen). Aber die Vision erschien nur, wenn ich alleine war (aber sie erschien jedes Mal, wenn ich den Anhänger befestigte). Als Frau eines Generals musste ich viele Geheimnisse bewahren. Nun hatte ich ein weiteres.

 

19. Jan. 1866

Heute dachte ich an Sterlings silbernen Anhänger und an den goldenen, den mein Ehemann mir gab, und die fast identisch waren. Ich fragte Autie nach der Geschichte meines Anhängers. Er erzählte mir eine Geschichte die am letzten Tage des Krieges passierte, als die Kapitulation stattfand.

Einige von seinen alten West-Point-Freunden und andere Soldaten kamen um ihn zu sehen. Als sie sich unterhielten, brachte Autie zum Ausdruck, dass noch ein Tag zuvor eine Schlacht um Leben und Tod ausgetragen wurde. Jetzt redeten sie ohne Verbitterung oder Boshaftigkeit miteinander. Später schliefen 7 der Konföderiertensoldaten unter ihren Decken in Auties Zelt, weil der fehlende Nachschub sie dazu zwang. Einer der Sieben hatte eine zum Tode führende Wunde am Hals. Autie pflegte die Wunde des Mannes und gab ihm Essen und Wasser. Als die anderen schliefen, rief der verwundete Mann Autie zu sich und zeigte ihm einen goldenen Anhänger. Er legte ihn in Auties Hand und drückte ihm die Finger zu, damit der Anhänger mit der Faust umschlossen war und sagte zu ihm: „Gib ihn dem Menschen den Du liebst, vielleicht kommt was Gutes dabei raus". Danach erlag er der tödlichen Wunde an seinem Hals und schloss seine Augen zum letzten Mal. Als Autie mir das erzählte, erkannte ich, dass es sich bei dem Mann um Sterlings Vater handelte. Irgendwie hatte er einen Ersatzanhänger aus Gold für seine Frau geschaffen und entweder niemals fertig stellen können bevor er sie zum letzten Male sah oder er behielt ihn, bis nach seiner Rückkehr. Als er sterbend da lag, gab er ihn dem letzten Menschen mit dem er sprach - ein gegnerischer Soldat wurde zum Freund. Die Hoffnung des Sterbenden war, dass Autie diesen Anhänger seiner Liebe geben würde, so dass noch etwas Gutes am letzten Tag seines Lebens oder vielleicht durch den Krieg dabei herauskam.

Nachdem Autie mir diese Geschichte erzählte, sprach er voller Wehleid über den Krieg, der Bruder gegen Bruder und Väter gegen ihre eigenen Söhne zu kämpfen zwang. Die Schmerzen werden sicher noch einige Generationen anhalten.

 

20. Jan. 1866

Mit so viel Aktivität rund ums Hauptquartier und da so viele Soldaten zu pflegen waren, verbrachte ich mehr Zeit im Krankenhaus.

Ich behalte die Anhänger und den Spiegel oben und wenn ich alleine bin und mich traue, werde ich den goldenen Anhänger wieder am Spiegel befestigen. Ich traue mich nicht daran zu denken, was ich wohl aus Sterlings Vergangenheit sehen werde, selbstverständlich nur dann, wenn der goldene Anhänger dieselbe Magie freigibt, die ich im anderen Spiegel sah. Vielleicht sehe ich eine Zeit die Sterling mit seinem Vater oder Mutter verbrachte. Ich fühle mich wie ein Narr und bin verlegen, an solche Dinge zu glauben und gar aufzuschreiben, aber ich kann nicht anders.

 

7. Feb. 1866

Die Männer waren gerade damit fertig das Krankenhaus zu räumen und bereiteten es für die Endabnahme vor, bevor wir Texas verlassen. Einige Reparaturen waren abgeschlossen und ich denke, es wird einer Familie ein schönes Zuhause werden. Seit einigen Wochen fand ich mich das erste Mal alleine in dem Haus. Ich schloss mich in eines der oberen Zimmer ein und saß am Tisch mit dem Spiegel vor mir. Ich beschloss, den goldenen Anhänger daran zu festigen. Der Spiegel reagierte wie zuvor und es erschien eine Vision. Ich saß sprachlos da und starrte auf das was ich sah.

Der Horror … ich fühlte und verstand beinah die Gründe für den Tod von Sterlings Mutter … eine schreckliche Vision … sie handelte nicht von Sterling oder seiner Familie … ich kann nicht darüber reden …

 

17. Feb. 1866

Wir haben weniger als eine Woche bevor wir Texas verlassen müssen! Ich werde mit meiner Familie nach Monroe, Michigan gehen und Autie nach Washington und dann nach New York, wo er freiwillig ausmustert. Sein Jahresgehalt von 8.000 $, dass er als Generalmajor erhielt, würde gekürzt werden auf 2.000 $ in der normalen Armee mit niedrigerem Rang und Dienstgrad. Er sagte mir, ohne die Herausforderung des Krieges würde er zivil arbeiten. Ich dachte an die Vision, die ich im Spiegel sah … es macht mich krank, es zu wissen. Morgen gehe ich ins Krankenhaus und zerstöre die Anhänger, damit niemand sieht, was ich gesehen habe!

 

18. Feb. 1866

Wenn ich daran denke mit wieviel Liebe Sterlings Vater die Anhänger anfertigte, schaffe ich es nicht sie zu zerstören. Stattdessen entschied ich mich, sie so gut im Krankenhaus zu verstecken, dass sie keiner mehr finden kann.

Ich benutzte den Spiegel und die Pläne des Hauses und fertigte eine Geheimkarte an, die den Weg zum Versteck des einen Anhängers wies. Den zweiten Anhänger habe ich noch nicht versteckt, werde ich aber noch. In 2 Tagen verlassen wir Texas. Bevor ich das Krankenhaus zum letzten Mal verlasse, werde ich mein Tagebuch in eine Kiste legen und den Schlüssel im Garten vergraben.

 

19. Feb. 1866

Letzte Nacht weinte ich. So viele Geheimnisse …

Den Spiegel und die Anhänger zurück zu lassen … Die Vision die ich sah und nicht darüber reden kann … das letzte Mal als ich Sterling sah, sagte ich da Lebewohl? Sagte ich ihm, dass ich ihn liebe? Ich kann nicht vergessen …

Ich muss mich an alles erinnern … alles von nun an! Ich werde alles aufschreiben was Autie und ich zusammen getan haben, werde jeden Platz beschreiben den wir zusammen besuchten. Ich darf nichts vergessen.

 

20. Feb. 1866

Während ich schreibe bereite ich vor, mein Tagebuch in einer Kiste zu verschließen und im Haus aufzubewahren. Weil ich den Spiegel zurücklasse und Sterlings Anhänger schon gut versteckt ist, hab ich mich entschlossen den goldenen Anhänger den Autie mir gab, zu behalten. Ich bin mir sicher, dass ohne den Spiegel mich die schreckliche Vision nicht mehr quälen wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Schlüssel vergraben will.

22. März 1912

Es ist 46 Jahre her seit meinem letzten Eintrag in dieses Tagebuch. Familie Cochran hieß mich mehr als Willkommen in ihrem Haus und wir sprachen über den Krieg und unsere Familien. Ich erzählte ihnen etwas über Sterling (selbstverständlich nichts über mein Geheimnis) und wie wir entdeckten, nachdem wir Texas schon einige Monate verlassen hatten, dass Sterlings Mutter am letzten Tag des Bürgerkrieges starb, dem gleichen Abend an dem ihr Ehemann starb, während Autie versuchte ihn zu pflegen.

Was Auties Tod am Little Big Horn anbetrifft, ziehe ich es vor an einen Tag im Sommer 1867 zu denken. Ein Tag nach einer ausgedehnten Reise, wo ich viele Monate allein verbrachte in Fort Riley. Ein Tag nach dem ich mich das erste Mal nach Auties Tod fragte, wie tief seine Liebe für mich wirklich war.

Ein Tag an dem er meine unausgesprochene Furcht mit solchem Mut und Klarheit beantwortete. Der Tag an dem er seine Karriere gefährdete, indem er Fort Wallace ohne Genehmigung verließ und unerwartet in Fort Riley erschien, ein Tag im Sommer 1867 … ein langer perfekter Tag.

Er war mein und gesegnet sei die Erinnerung, die uns die Freude sowie die Traurigkeit des Lebens erhält! Er ist immer mein für heute und für die Ewigkeit.

Ich ging in Rock Dependency hinein, ein 2-stöckiges Bauwerk hinter dem Haus. Dort fand ich die Kiste, die ich vor so vielen Jahren hinterließ. Da ich all die Jahre den Schlüssel immer bei mir trug, steckte ich ihn ins Schloss und die Kiste öffnete sich … dort fand ich mein Tagebuch, in welches ich jetzt diesen letzten Eintrag vornehme. Ich lege noch ein paar persönliche Briefe und ein Bild von Auties Bruder Tom in die Kiste. Ich werde auch das Tagebuch zurücklegen, bevor ich sie das letzte Mal verschließe. Ich sah in der Nähe einen kleinen Spalt zwischen 2 Steinen in der Wand, der ideale Platz um den Schlüssel zu verstecken. So wie die Wolken alle Sorgen vertrieben und somit die Sorgen meines beschäftigten Lebens vergangen waren, so ist die geheimnisvolle Herrschaft des goldenen Anhängers über mein Herz gewichen.

Weil ich den goldenen Anhänger all die Jahre aufbewahrte, versuchte ich dadurch Autie nahe bei mir zu haben, habe mich nun entschieden ihn gehen zu lassen … genau so wie Autie gegangen ist. Seit der Anhänger mir so viele Träume öffnete und weil ich Auties „Beautiful Dreamer" war, hatte ich keine bessere Idee als den Anhänger zu verstecken. Ich schrieb einen Code auf das Notenblatt vom Dreamer, der den Ort des Versteckes beschreibt. Es hat den Anschein als sei jetzt alles an seinem Platz.

Ich gab den Cochrans Kopien meiner Bücher: „Boots and Saddles", „Tenting on the Plains" und „Following the Guidon". Alle haben mich erinnert an das was ich im Spiegel sah, dass mir so viele Schmerzen und Verwirrung, aber nun im Rückblick so viel Freude brachte … wie Zeit doch heilt …

Als die Cochrans mir die Verbesserungen am Haus zeigten, lächelte ich, als ich Sterlings Spiegel auf einer Kommode in einem der oberen Schlafzimmer stehen sah. Er ist nur eine bedeutungslose Dekoration für jemanden der vorübergeht oder hineinschaut. Für alle, außer für mich!

 

Copyright © Sylvia für Adventure-Archiv, 26. Februar 2007



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